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Remembering Roy Rosenzweig – digitales Gedenken

Mag es mir schon etwas ungewohnt vorkommen, dass Nachrufe in Weblogs verfasst werden (und nicht nur wie gewohnt in Zeitungen), so überrascht mich der Weblog thanksroy erst recht (via Historia i Media). Für mitteleuropäische Verhältnisse mag es seltsam anmuten, dass ein Kondolenz-Buch gleich als Weblog veröffentlicht wird. Offenbar haben die amerikanischen Kollegen hier weniger Vorbehalte gegenüber dieser Art des Gedenkens, denn der Weblog ist voll mit sehr unterschiedlichen und persönlichen Einträgen. Ich vermute, dass dieser Weblog eine Einzelerscheinung bleibt, die auf die besondere Rolle Rosenzweigs als Protagonist des digitalen Wissenschaftsbetriebs zurückzuführen ist, und gehe davon aus, dass sich Kondolenz-Blogs nicht so rasch als Formen des Trauerns und Gedenkens etablieren werden. Aber vielleicht irre ich mich auch.

In Memoriam Roy Rosenzweig (1950-2007)

Durch den (sehr persönlichen, bewegten und bewegenden) Weblog-Eintrag von T. Mills Kelly in edwired bin ich darauf aufmerksam geworden, dass Roy Rosenzweig vorgestern Donnerstag verstorben ist.

Roy Rosenzweig war als Gründer und Leiter des Center for History and New Media an der George Mason University in Virginia einer der ersten, wenn nicht der erste Historiker, der das Feld der „digitalen Geschichtswissenschaften“ professionell zu bearbeiten begann. Die Liste seiner Publikationen zu diesem Thema ist lang. Viele seiner Veröffentlichungen können Bezeichung „Referenzwerk“ in Anspruch nehmen. Wir haben letztes Jahr seinen ausgezeichneten Aufsatz „Can History be Open Source? Wikipedia and the Future of the Pastbesprochen, der noch immer eine der fundiertesten geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Phänomen Wikipedia darstellt. 2005 veröffentlichte er gemeinsam mit Daniel Cohen das Werk Digital History: A Guide to Gathering, Preserving, and Presenting the Past on the Web.

Roy Rosenzweig hat noch zu anderen Themen publiziert und dafür etliche Preise erhalten. Ich habe Roy Rosenzweig zwar nicht persönlich gekannt, glaube aber doch sagen zu dürfen, das es bedauerlich ist, seine Stimme in Zukunft nicht mehr hören, bzw. seine Überlegungen nicht mehr lesen zu können. Ich hätte mir noch weitere interessante Anregungen zur Entwicklung der digitalen Geschichtswissenschaften erhofft.

Aus der Welt der Wikis: Wikipedia und Geschichtswissenschaft (laut Rosenzweig)

Ich hatte kürzlich die Frage gestellt, welchen Wert Wikipedia für die Geschichtswissenschaft habe und eine Untersuchung dazu gewünscht. Darauf folgte prompt der Hinweis auf einen Artikel von Roy Rosenzweig, seines Zeichens Leiter des Center for History and New Media an der George Mason Universität in Fairfax, Virginia mit dem Titel: Can History be Open Source? Wikipedia and the Future of the Past (erschienen in The Journal of American History, 93/1 (2006), S. 117-146). Eine gute Zusammenfassung hat Tim Bartel in seinem Wikipedistik-Blog schon geliefert, hier noch einmal die wichtigsten Fakten aus meiner Sicht.

Rosenzweig stellt zunächst einmal fest, dass nur 6 Prozent der 32’000 seit dem Jahr 2000 im Journal bibliographierten Titel mehr als einen Autoren, bzw. eine Autorin aufweisen. Geschichte schreiben ist eine indiviualisierte, keine kollaborative Arbeit – bislang.

Er differenziert bei der Analyse der Einträge: Artikel zu allgemeinen Themen, z.B. die Überblicksartikel zur Geschichte verschiedener Nationen, sind weniger gut als biographische Artikel. Dies liege laut Rosenzweig einerseits daran, dass es relativ schwierig sei, gute zusammenfassende Darstellungen kollaborativ zu verfassen.

[…] such broad synthetic writing is not easily done collaboratively.

Andererseits seien biographische Artikel in dieser Hinsicht einfacher zu schreiben, weil sie einem bewährten und bekannten Muster folgten. Rosenzweig hat 25 biographische Einträge in Wikipedia genauer untersucht, mit entsprechenden Einträgen in Encarta und American National Biography Online (ANB Online) verglichen und dabei praktisch keine faktischen Fehler vorgefunden. Allerdings sei der Stil doch nicht so überzeugend und die historische Einbettung und Deutung nicht so stringent wie beim Referenz-Werk ANB Online.

Bemerkenswert ist die unterschiedliche Gewichtung von bei der Länge der Artikel, ja der Auswahl an Biographien in Wikipedia, die den Präferenzen der hauptsächlichen Benutergruppen entsprechen: Der Eintrag zur Fernsehserie Coronation Street (eine Art englische Lindenstrasse) könne länger sein als jener über Tony Blair. Allerdings wurde der Artikel zu Blair nach der Äusserung dieser Kritik von Dale Hoiberg, dem Herausgeber der Encyclopedia Britannica, umgehend von der Wikipedia-Gemeinde ausgeweitet.

Rosenzweig sieht auch das Bemühen um Neutralität (das Neutral Point of View-Gebot) als Schwierigkeit, zu überzeugenden Darstellungen zu gelangen. Im Bemühen um Ausgeglichenheit werden die Artikel gerne steril und wenig aussagekräftige Aufzählungen (Punkt-Listen) von Fakten.

Rosenzweig geht auch auf die Fehler in Wikipedia ein, die zwar grosse Verbreitung finden (weil Wikipedia bei Google so hoch gerankt wird, aber auch, weil viele Website die Gratisinformationen von Wikipedia übernehmen), aber auch schnell und einfach korrigiert werden können. Er stellt aber auch fest, dass die verbreitete Nutzung von Wikipedia unter Studierenden weniger ein Problem der Fakten, als ein Problem des Charakters von Wikipedia ist: es handelt sich um ein Lexikon-Projekt, und in Lexika werden Sachverhalte auf eine bestimmte Art und Weise abgehandelt, die nicht für den wissenschaftlichen Gebrauch geeignet ist (daher auch der Aufruf von Wikipedia-Gründer Wales, Wikipedia nicht zu zitieren). Die Fakten mögen stimmen: Aber reichen die Fakten aus, um Geschichte zu verstehen?

Was den Vorwurf der unwissenschaftlichen Entstehungsbedingungen betrifft, macht Rosenzweig auch interessante Feststellungen: Seiner Ansicht nach sei das kollaborative System der Artikel-Erstellung nichts anderes als eine Art Peer-Review – und auf den Diskussions-Seiten würden sich letztlich genau jene historischen Debatten (wenngleich nicht auf wissenschaftlichen Niveau) zutragen, die sonst von den professionellen Historiker/innen immer so schmerzlich in der Gesellschaft vermisst werden. Rosenzweig macht geltend, dass hier durchaus wissenschaftliche Prinzipien zum tragen kommen oder dies zumindest könnten. Er fordert schliesslich die Zunft dazu auf, sich lieber am Projekt Wikipedia zu beteiligen, als es als unwissenschaftlich abzuqualifizieren. Würden alle Historiker/innen nur einen Tag pro Jahr arbeiten, könnten die Inhalte etlicher Artikel wesentlich verbessert werden.

Er ärgert sich auch darüber, dass die durchaus vorhandenen, hervorragenden Online-Angebote zu Geschichte (wie zum Beispiel ANB online, aber auch JStor) nur gegen (teure!) Bezahlung zugänglich seien, obwohl sie mit nicht unerheblichen staatlichen Mitteln direkt oder indirekt gefördert worden seien. (Hier ist als löbliche Ausnahme das historische Lexikon der Schweiz zu nennen, dass genau jene Forderung erfüllt und kostenlos zugänglich ist).

Schliesslich sinniert Rosenzweig über Möglichkeiten, die Kraft von Communities für historische Projekte zu nutzen: Warum nicht die ehrenamtliche Tätigkeit für Transkriptionen von Quellenmaterial einsetzen, oder für das Verfassen eines standardisierten, frei zugänglichen Textbuches für Studienanfänger/innen? Natürlich zählt Rosenzweig auch die Schwierigkeiten solchen kollaborativen Arbeitens auf: Kosten, Promotionsordnungen, Renommé. Wer bezahlt, wer bestimmt und wie werden die individuellen Leistungen anerkannt, die in der kollaborativen Endergebnis „verschwinden“? Rosenzweig rät zum Schluss, dieser neuen Form, Wissen zu produzieren, genügend Aufmerksamkeit zuzuwenden. Aber letztlich bleiben auch bei seinem erhellenden Artikel doch viele Fragen noch offen.

Übersicht Aus der Welt der Wikis