weblog.hist.net

Das Unwort des Jahres: «depublizieren»

Mir scheint, das Unwort des Jahres 2010 steht bereits zur Jahresmitte fest: «depublizieren». Mich erinnert das an «demilitarisieren». Ich depubliziere, du depublizierst. Und vor allem die Öffentlich-Rechtlichen depublizieren, zumindest in Deutschland.

Wikipedia kennt den Begriff noch nicht (!), im Duden steht er selbstredend auch nicht, aber eine Seite www.depublizieren.de gibt es bereits. Und dort prangt die von uns hier eingeblendete Traueranzeige.
(mehr …)

Ist Wikipedia für die Öffentlichkeit oder für Academia?

academiefrancaise

Nando Stöcklin hat mit einer netten und differenzierten Replik auf die Reflexe-Sendung von Donnerstag reagiert. Darin macht er eine spannende, im Grunde genommen richtige, aber in der Praxis heikle Aussage: «Wikipedia ist ein Dienst für die Öffentlichkeit, kein Dienst primär für Akademiker. Wir sollten die Welt der Wissenschaft und die Welt der Öffentlichkeit deutlich auseinanderhalten.»
(mehr …)

«The making of» oder Weblogs als sekundäre Medien

Die Redaktion der Tagesschau betreibt ein offenbar recht erfolgreiches Weblog, viele andere klassische Medien machen das auch. Dort berichten Redakteure über ihren Alltag, über Recherchen, Frust und Hintergründe ihrer Arbeit. Ein klassischer «Making of»-Kanal also. Vielleicht würde der Begriff der «sekundären Medien» hier passen.

Auch unser Weblog ist letzlich nicht viel mehr, als ein «Making of»: Während Kollega Hodel mit viel Schwung und Elan an seiner Dissertation arbeitet, versuche ich mich auch gerade an einem allerdings eher theoretisch ausgerichteten Text zum Thema «Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter». Beide dokumentieren wir hier im Weblog gewissermassen unsere Streifzüge durch das Netz und durch die Bibliotheken, zeigen Fundstücke, die wir am Wegesrand gefunden haben, stellen Thesen und Theorien zur Diskussion. Das Weblog ist unser sekundäres Medium zum Primärmedium Buch, wo unsere Arbeiten schliesslich (demnächst) enden werden.

Damit agieren wir im Feld der Geisteswissenschafter und Geistesarbeiter eher atypisch. Geisteswissenschafter sitzen, so will es zumindest das Klischee, in ihrem Elfenbeinturm, brüten über den Büchern und Akten, die sie in Archiven und Bibliotheken ausgegraben haben, und schreiben dann, inspiriert alleine vom Geist der alten Papiere, ihren Text, Geniussen gleich, solitär und singulär.

Die Realität ist eine andere. Wir werden permanent geflutet von Informationen, wissenschaftlichen, halbwissenschaftlichen, pseudowissenschaftlichen, unwissenschaftlichen, von Medienberichten und Konferenzen, H-Soz-u-Kult-Mails und Weblogs. Kein Gedanke, den wir zu Papier bringen (oder zuerst auf den Bildschirm) ist unserem genialen Geiste allein entsprungen. Immer ist eine Assoziationskette, angelesenes Wissen, Erfahrung dabei.

Die Blogosphäre, die wissenschaftsaffine zumal, ist dabei ein besonderer Tummelplatz. Hier kämpfen zumeist institutionell schlecht verankerte Nachwuchsforscher um Aufmerksamkeit und versuchen, vom wervollsten Kapitel der Netzreisenden, von der Zeit, etwas zu ergattern. Sie tun dies in aller Regel in der Hoffnung, dabei indirekt auf dem gesicherten Boden der Offline-Welt mehr Standfestigkeit zu erhalten.

Das «Making of» hat dabei etwas Exhibitionistisches. Es lebt vom Reiz, dass die verbreiteten Informationen meist um eine imaginäre Scham- und Anstandsgrenze von Academia oszillieren.

Heute sind wissenschaftliche oder wissenschaftsaffine Weblogs eine Randerscheinung, eine quantité negligeable in jeder Hinsicht. Das könnte sich indes bald ändern und einiges spricht dafür, dass in wenigen Jahren, wenn die zweite Internet-Generation die Hörsäle füllt, die kulturellen Praxen im Umgang mit Öffentlichkeit und Wissen sich nochmals grundlegend ändern werden.

Tagungen online?

Die Kollegen vom Kulturwissenschaftlichen Forschungskolleg SFB/FK 615 «Medienumbrüche» in Siegen haben die Streams der Jahrestagung zum Thema «Leitmedien» ins Netz gestellt. Merci!

Wohl die meisten von uns schauen sich gerne an, wie sie in einem solchen Filmchen wirken. Man entdeckt Macken und ärgert sich über blöde Formulierungen, nimmt sich vor, das nächste Mal vielleicht zum Coiffeur zu gehen etc. Alles neue Erfahrungen (zumindest für die meisten).

Aber: Diese Transparenz bedeutet auch, dass man nicht mehr so einfach einen alten Vortrag nochmals halten kann (was ja in Ordnung ist). Und bedeutet auch, dass man vor allem in den anschliessenden Diskussionen ein wenig vorsichtig wird. Und genau das nicht macht, was man doch an Tagungen, zumal im kleinen Kreis, so gut machen kann: neue Thesen ausprobieren, ein wenig laut denken, einen Gedanken ad hoc entwickeln. Funktioniert das auch, wenn die Kamera mitläuft? Und die Filmchen unkontrollierte Wege gehen und man plötzlich mit Ideen konfrontiert wird, die man so öffentlich gar nicht äussern wollte?

Schwer zu sagen. Vermutlich haben wir noch zu wenig Erfahrung in diesem Bereich.

Siehe auch: Bassler, Harald: Diskussionen nach Vorträgen bei wissenschaftlichen Tagungen, in: Auer, Peter / Bassler, Harald (Hrsg.): Reden und Schreiben in der Wissenschaft, Frankfurt am Main 2007, S. 133-154.

Die Leitmedien der Blogosphäre: Wir sind auf Rang 262 …

rivva.jpg

Das Konzept der Leitmedien wird in den aktuellen Diskussionen zur Hauptsache im Kontext von Massenmedien verwendet. Sucht man mit Google nach dem Begriff Leitmedien, so taucht auf den ersten Rängen die Spezialsuchmaschine Rivva auf, die mit dem Anspruch daherkommt, die Leitmedien des öffentlichen Diskurses mit einem „gewichteten Schlagzeilenüberblick über die deutschsprachige Blog- und Online-Medienlandschaft“ zu bestimmen.

Rivva berechnet dabei, welche deutschsprachigen Online-Medien „Medienmacht“ besitzen. Definiert wird diese Kenngrösse bei Rivva folgendermassen: „Wer liefert die Stories mit dem größten Gesprächsstoff? Wer rollt aus Schneebällen Lawinen? Wer hat die meinungsstärkste Community im Rücken?“

Seit heute ist auch weblog.histnet.ch in den adligen Stand der leitmedialen Weblogs erhoben worden. Immerhin auf Platz 262 haben wir es geschafft.

Vielen Dank allen treuen Leserinnen und Lesern!

Habermas 2.0 – Strukturwandel der Öffentlichkeit reloaded

habermas.png

«Strukturwandel der Öffentlichkeit» – da war doch etwas … ja, richtig, 1962, Jürgen Habermas, seine Habilitationsschrift, ein fulminantes Buch, historische Recherchen, soziologische Analysen.

Habermas beschrieb in diesem Buch Öffentlichkeit als eine zentrale Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, wie sie im Zuge der Aufklärung entstanden war. Die Entwicklung, wie sie durch die elektronischen Massenmedien angestossen wurde, hatte Habermas ja bekanntlich als einen eigentlichen Zerfallsprozess dieser bürgerlichen Öffentlichkeit beschrieben.

Nun hat sich Habermas wieder zu Wort gemeldet und seine Überlegungen auf das Internet und das Web 2.0 weiterentwickelt:

„Das World Wide Web scheint freilich mit der Internetkommunikation die Schwächen des anonymen und asymmetrischen Charakters der Massenkommunikation auszugleichen, indem es den Wiedereinzug interaktiver und deliberativer Elemente in einen unreglementierten Austausch zwischen Partner zulässt, die virtuell, aber auf gleicher Augenhöhe miteinander kommunizieren.

Habermas betont auch den grundsätzlichen Wandel, den das Internet ausgelöst hat:

Tatsächlich hat ja das Internet nicht nur neugierige Surfer hervorgebracht, sondern auch die historisch versunkene Gestalt eine egalitären Publikums von schreibenden und lesenden Konversationsteilnehmern und Briefpartnern wiederbelebt. Andererseits kann die computergestützte Kommunikation unzweideutige demokratische Verdienste nur für einen speziellen Kontext beanspruchen: Sie unterminiert die Zensur autoritärer Regime, die versuchen, spontane öffentliche Meinungen zu kontrollieren und zu unterdrücken. Im Kontext liberaler Regime überwiegt jedoch eine andere Tendenz. Hier fördert die Entstehung von Millionen von weltweit zerstreuten chat rooms und weltweit vernetzten issue publics eher die Fragmentierung jenes grossen, in politischen Öffentlichkeiten jedoch gleichzeitig auf gleiche Fragestellungen zentrierten Massenpublikums. Dieses Publikum zerfällt im virtuellen Raum in eine riesige Anzahl von zersplitterten, durch Spezialinteressen zusammengehaltenen Zufallsgruppen. Auf diese Weise scheinen die bestehenden nationalen Öffentlichkeiten eher unterminiert zu werden.

Schliesslich bringt Habermas die Sache mit den Öffentlichkeiten und dem Web 2.0 sehr schön auf den Punkt:

Das Web liefert die Hardware für die Enträumlichung einer verdichteten und beschleunigten Kommunikation, aber von sich aus kann es der zentrifugalen Tendenz nichts entgegensetzen. Vorerst fehlen im virtuellen Raum die funktionalen Äquivalente für die Öffentlichkeitsstrukturen, die die dezentralisierten Botschaften wieder auffangen, selegieren und in redigierter Form synthetisieren.

Nachzulesen in: Habermas, Jürgen: Ach, Europa. Kleine politische Schriften XI, Frankfurt am Main 2008, S. 161f.

Sieben Tage Leben. Ein Weblog-Experiment

tagwerke550.jpg

Eine hübsche Idee hatten unsere virtuellen Freunde von den Tagwerken in Frankfurt: Ein Schreibexperiment zum Thema Weblog, um über den Prozess des Schreibens im Raum der Öffentlichkeit nachzudenken. Wir hatten ja schon die Idee, unsere eigenen Erfahrungen des wissenschaftlichen oder zumindest wissenschaftsaffinen Bloggens an einem Workshop zur Diskussion zu stellen. Vielleicht sollten wir die Erfahrungen der Tagwerkerinnen und Tagwerker abwarten und unser Projekt mit dem Frankfurter Konzept kreuzen.