weblog.hist.net

Wieviele Leser/inn/en hat weblog.histnet.ch?

Gerne wüssten wir, vieviele Leserinnen und Leser unser Weblog tatsächlich erreicht. Wir wissen es nicht, denn die Statistiken filtern automatisierte Zugriffe von Suchmaschinen nicht korrekt aus. Was wir aber wissen: Es werden immer mehr. An diesem Wochenende hat die Zahl der Besucher/innen erstmals die Zahl von 1000 überschritten, die Zahl der Anfragen lag bei über 3600.

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Philipp Melanchthon in Budapest

Eigentlich wollen und können wir hier im Weblog von hist.net nicht den Anspruch haben, auch nur auf die wichigsten Digitalisierungsangebote im Netz hinzuweisen. Unsere Kollegen von Archivalia, Adresscomptoir oder auch ClioWeb machen das fundierter und mit mehr Ausdauer. Hin und wieder aber wollen wir doch etwas aufgreifen, was uns speziell aufgefallen ist oder das zu einem Themengebiet gehört, das auf hist.net speziell gepflegt wird – etwa die ungarische Geschichte.

Unser Hinweis also deshalb auf die Magyar Elektronikus Könyvtár (MEK) – die elektronische ungarische Bibliothek. Betrieben wird sie von der ungarischen Nationalbibliothek und in den letzten Monaten ist der Bestand an digitalisiertem Material extrem angewachsen. Wer sich per RSS über die Neueingänge informieren lässt, wird Woche für Woche rund ein bis zwei Dutzend neue Digitalisate im Netz vorfinden. Dabei wird ein bunter – und sehr pragmatischer – Methodenmix pratktiziert. Da gibt es von der farbig eingescannten Seite bis zum abgetippten Text alle Varianten – für die Forschung aber ist das Material in aller Regel brauchbar, weil auf korrekte Metadatierung geachtet wird. Der Anteil deutschsprachigen Materials ist zwar nicht umwerfend (aktuell: 122 Einträge) aber hin und wieder findet sich auch für den der ungarischen Sprache unkundigen Forscher etwas, zum Beispiel «Ein christliche Ermanung … an den … König Ferdinandum» von Phlilpp Melanchthon, gedruckt von Friedrich Peypus in Nürnberg im Jahre 1529. Unsere Empfehlung: ausprobieren und ungarisch lernen!

Karl Kraus online

Karl Kraus, von Paul Jandl in der NZZ als «Vorfahr aller Blogger» bezeichnet, ist seit kurzem mit 22’500 «Fackel»-Seiten online. Nach einer kostenlosen Registration kann man sich die «Fackel» auf den Bildschirm zaubern und sich online an der Kraus’schen Sprachmächtigkeit delektieren! Eine schöne Zusammenstellung von Material im Netz über Karl Kraus gibt es hier.

Plagiatsdebatte ff.

Vor einigen Tagen habe ich hier geschrieben, ich werde Stefan Webers Buch über Plagiate und das «Das Google-Copy-Paste-Syndrom» noch vorstellen. Das dünne Buch war schnell gelesen, der schale Eindruck, den es indes hinterlassen hat, wirkte noch recht lange nach.

Weber legt mit seinem Pamphlet zweifelsohne den Finger auf einen wunden Punkt: Moral, intellektuelle Disziplin und vor allem auch wissenschaftliches Interesse vieler Studierender lassen eindeutig zu wünschen übrig. Weber überspitzt diesen Befund allerdings, wenn er daraus eine “Austreibung des Geistes aus der Textproduktion” konstruiert und von einer “Textkultur ohne Hirn” schreibt.

Unter dem Titel “Vorboten” übt sich Weber gleich zu Beginn des Buches in Rundumpolemik gegen die Medienwissenschaften. Zehn Mythen meint er identifizieren zu können, angefangen bei einer “Apriorisierung” über den angeblichen Mythos der Substitutionseffekte bis hin zur “Rhetorik der Konstruktivität” reicht die Brandbreite der Weberschen Kollegenschelte.

A propos Kollegenschelte: Sven Grampp, Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Instituts für Theater- und Medienwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg, besprach unlängst Webers Habilitationsschrift mit dem Titel “Non-dualistische Medientheorie. Eine philosophische Grundlegung” nicht ohne einige recht unmissverständliche Zustandsbeschreibungen der gegenwärtigen medientheoretischen Fachsimpeleien der Rezension voranzustellen:

“Schaut man sich neuere Publikationen aus diesem Bereich an, wird deutlich, dass der Avantgardegestus auch weiterhin fester Bestandteil medientheoretischer Legitimationsrhetorik ist.” [S. 8]

Und weiter:

“‘Medienphilosophie’ ist so eine Oppositionsmarkierung, die seit ein paar Jahren zirkuliert. Betrieben wird die Medienphilosophie vor allem von einigen philosophisch gestimmten Medientheoretikern, die das Versprechen eines Paradigmenwechsels ihrer Disziplin auch explizit und vollmundig artikulieren.” [ebd.].

Aber kehren wir zum Plagiatsbuch von Stefan Weber zurück. Das Problem, das ich mit dem Buch oder vielmehr mit Stefan Webers Ansatz habe ist, dass ich nicht a priori davon ausgehe, dass alle Studierende faul und unehrlich sind. Für mich gilt grundsätzlich und bis ich mindestens einen konkreten Hinweis habe, dass es anders sein könnte, die Unschuldsvermutung. Ich möchte Weber auf keinen Fall unterstellen, dass er nicht auch von diesem Grundsatz ausgeht, aber ich habe vermisst, dass er dies auch klar formuliert.

Unter dem Titel “Bullshit-PR und heisse Luft: in neuen Medien und über neue Medien” schreibt sich Weber gegen Ende des Buches seine Wut gegen die Kulturwissenschaften aus dem Bauch. Zugegeben, der folgende Absatz, den Weber zitiert, ist, um es höflich zu formulieren, ziemlich grenzwertig:

Meine transdisziplinäre Herangehensweise im Sinn einer kritischen Repräsentationstheorie verbindet Ansätze strukturaler psychoanalytischer Theorie mit Ansätzen neuerer Hegemonie- bzw. Demokratietheorie sowie der Film- und Medientheorie, der Gender- und der Cultural Studies, um Perspektiven auf aktuelle Medienkonstellationen zu eröffnen, die sich jenseits technikdeterministischer oder kulturpessimistischer Einschätzungen bewegen.*

Weber vergibt aber leider eine Chance, indem er in einem gehässigen Stil (“Das Geschwafel von Transdisziplinarität [...] heisse Luft statt Substanz”) zu einem Rundumschlag ausholt und es dabei leider selber hin und wieder an Substanz vermissen lässt. Er schliesst mit folgenden Worten:

Die Produktion von postmoderner heißer Luft durch eine gewisse Gruppe von Wissenschaftlern und die Reaktion mancher Studierender mit dem Google-Copy-Paste-Syndrom sind symptomatisch für die gegenwärtige akademische Kultur der Heuchelei: Copy/Paste als Reaktion auf Bullshit-Diskurse, auf gut Deutsch: die Verdopplung der Scheiße. [S. 147]

Schade. Eine differenzierte Darstellung der kulturwissenschaftlichen Diskussionskulturen – tatsächlich im Anschluss an Sokal und Bricmont, wie Weber schreibt – wäre notwendig und erwünscht. Aber wieso eigentlich in diesem aufgeregten Ton …?

Wikipedia im Unterricht

Alle reden von Wikipedia, in Basel werden wir konkret! Nachdem uns die Kollegen in Wien schon den Rang abgelaufen haben in Sachen “Erste geschichtswissenschaftliche Lehrveranstaltung mit Weblogs» werde ich im kommenden Sommersemester die vermutlich erste kulturwissenschaftliche Lehrveranstaltung mit und über Wikipedia abhalten. Im Rahmen eines Medienpraktischen Kurses am Institut für Medienwissenschaften der Universität Basel werde ich zusammen mit Studierenden der Medienwissenschaften und der Geschichte Wikipedia als neues mediales Phänomen der Wissenschaftskommunikation untersuchen. In einem zweiten Schritt werden wir selber wissenschaftliche Themen in Wikipedia bearbeiten und dabei beobachten, was mit den Texten geschieht. Dazu werden wir voraussichtlich im hauseigenen Wiki von hist.net einen Bereich einrichten, wo wir die Diskussionen werden führen können. Die Veranstaltung werde ich in vier Halbtagesblöcken zwischen April und Juni durchführen. Wenn ich die Gelder bewilligt bekomme, werde ich auch externe Fachleute nach Basel einladen.

 

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