weblog.hist.net

Der Teppich von Bayeux, animiert

Noch ein Versuch, ferne Zeiten und alte Objekte ins Internet-Zeitalter zu transferieren: Der Teppich von Bayeux, der die Geschichte der normannischen Invasion in England anno 1066 erzählt, wird hier mit heutigen technischen Mitteln in seiner ursprünglichen Absicht weitergedacht.

Schreiberlings Traum

Es ist nun einmal so: Wir sind und bleiben Schreibtischtäter. Wir, damit meine ich die Angehörigen der Zunft der Historiker. Der grosse Michel de Certeau, den wir hier ja auch schon erwähnt haben, sprach zwar von der «opération historiographique» und liess mich damit weniger einen hölzernen Schreibtisch als vielmehr chromblitzende Operationsinstrumente assoziieren. Aber das ist nur eine Illusion, der schöne Schein der klinischen Reinheit, den wir aber nie erreichen werden. Nein, wir sitzen am Schreibtisch, vor uns ausgebreitet die Beute aus Bibliothek und Archiv, Papierstapel, wohin man schaut und viele Bücher natürlich.
(mehr …)

Narrationen im digitalen Zeitalter

Der folgende Beitrag fasst meine Ausführungen während der Tagung „Das Internet als Raum des historischen Lernens“ noch einmal in geraffter Form zusammen. Er befasst sich mit der Rolle, die Narrationen im digitalen Zeitalter spielen können und fokussiert auf die Situation des web 2.0, das heisst von Weblogs und Wikis.
(mehr …)

Plagiatsdebatte ff.

Vor einigen Tagen habe ich hier geschrieben, ich werde Stefan Webers Buch über Plagiate und das «Das Google-Copy-Paste-Syndrom» noch vorstellen. Das dünne Buch war schnell gelesen, der schale Eindruck, den es indes hinterlassen hat, wirkte noch recht lange nach.

Weber legt mit seinem Pamphlet zweifelsohne den Finger auf einen wunden Punkt: Moral, intellektuelle Disziplin und vor allem auch wissenschaftliches Interesse vieler Studierender lassen eindeutig zu wünschen übrig. Weber überspitzt diesen Befund allerdings, wenn er daraus eine „Austreibung des Geistes aus der Textproduktion“ konstruiert und von einer „Textkultur ohne Hirn“ schreibt.

Unter dem Titel „Vorboten“ übt sich Weber gleich zu Beginn des Buches in Rundumpolemik gegen die Medienwissenschaften. Zehn Mythen meint er identifizieren zu können, angefangen bei einer „Apriorisierung“ über den angeblichen Mythos der Substitutionseffekte bis hin zur „Rhetorik der Konstruktivität“ reicht die Brandbreite der Weberschen Kollegenschelte.

A propos Kollegenschelte: Sven Grampp, Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am Instituts für Theater- und Medienwissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg, besprach unlängst Webers Habilitationsschrift mit dem Titel „Non-dualistische Medientheorie. Eine philosophische Grundlegung“ nicht ohne einige recht unmissverständliche Zustandsbeschreibungen der gegenwärtigen medientheoretischen Fachsimpeleien der Rezension voranzustellen:

„Schaut man sich neuere Publikationen aus diesem Bereich an, wird deutlich, dass der Avantgardegestus auch weiterhin fester Bestandteil medientheoretischer Legitimationsrhetorik ist.“ [S. 8]

Und weiter:

„‚Medienphilosophie‘ ist so eine Oppositionsmarkierung, die seit ein paar Jahren zirkuliert. Betrieben wird die Medienphilosophie vor allem von einigen philosophisch gestimmten Medientheoretikern, die das Versprechen eines Paradigmenwechsels ihrer Disziplin auch explizit und vollmundig artikulieren.“ [ebd.].

Aber kehren wir zum Plagiatsbuch von Stefan Weber zurück. Das Problem, das ich mit dem Buch oder vielmehr mit Stefan Webers Ansatz habe ist, dass ich nicht a priori davon ausgehe, dass alle Studierende faul und unehrlich sind. Für mich gilt grundsätzlich und bis ich mindestens einen konkreten Hinweis habe, dass es anders sein könnte, die Unschuldsvermutung. Ich möchte Weber auf keinen Fall unterstellen, dass er nicht auch von diesem Grundsatz ausgeht, aber ich habe vermisst, dass er dies auch klar formuliert.

Unter dem Titel „Bullshit-PR und heisse Luft: in neuen Medien und über neue Medien“ schreibt sich Weber gegen Ende des Buches seine Wut gegen die Kulturwissenschaften aus dem Bauch. Zugegeben, der folgende Absatz, den Weber zitiert, ist, um es höflich zu formulieren, ziemlich grenzwertig:

Meine transdisziplinäre Herangehensweise im Sinn einer kritischen Repräsentationstheorie verbindet Ansätze strukturaler psychoanalytischer Theorie mit Ansätzen neuerer Hegemonie- bzw. Demokratietheorie sowie der Film- und Medientheorie, der Gender- und der Cultural Studies, um Perspektiven auf aktuelle Medienkonstellationen zu eröffnen, die sich jenseits technikdeterministischer oder kulturpessimistischer Einschätzungen bewegen.*

Weber vergibt aber leider eine Chance, indem er in einem gehässigen Stil („Das Geschwafel von Transdisziplinarität […] heisse Luft statt Substanz“) zu einem Rundumschlag ausholt und es dabei leider selber hin und wieder an Substanz vermissen lässt. Er schliesst mit folgenden Worten:

Die Produktion von postmoderner heißer Luft durch eine gewisse Gruppe von Wissenschaftlern und die Reaktion mancher Studierender mit dem Google-Copy-Paste-Syndrom sind symptomatisch für die gegenwärtige akademische Kultur der Heuchelei: Copy/Paste als Reaktion auf Bullshit-Diskurse, auf gut Deutsch: die Verdopplung der Scheiße. [S. 147]

Schade. Eine differenzierte Darstellung der kulturwissenschaftlichen Diskussionskulturen – tatsächlich im Anschluss an Sokal und Bricmont, wie Weber schreibt – wäre notwendig und erwünscht. Aber wieso eigentlich in diesem aufgeregten Ton …?

Wikipedia im Unterricht (II)

Nicht nur Peter Haber: Auch ich werde mich im Sommersemester mit Wikipedia im Unterricht beschäftigen, aber auf eine etwas andere Weise. Ich führe eine Lehrveranstaltung mit dem Titel „Historisches Lernen mit Wikis und Wikipedia“ an der Pädagogischen Hochschule der FHNW durch. Es handelt sich um ein Forschungsatelier, in dem sich die Lehramtsstudierenden mit Themen und Methoden auseinandersetzen sollen, die sie dann für die Abfassung ihrer Diplomarbeit nutzen können.

Diese Lehrveranstaltung wird sich vor allem auf die Rolle von Wikipedia (aber auch generell von Wikis) beim historischen Lernen in der Schule konzentrieren. Ich bin gespannt, inwiefern sich hier Überschneidungen und/oder Ergänzungen zum kultur- und medienwissenschaftlich orientierten Kurs von Peter Haber ergeben.

Wikipedia im Unterricht

Alle reden von Wikipedia, in Basel werden wir konkret! Nachdem uns die Kollegen in Wien schon den Rang abgelaufen haben in Sachen „Erste geschichtswissenschaftliche Lehrveranstaltung mit Weblogs» werde ich im kommenden Sommersemester die vermutlich erste kulturwissenschaftliche Lehrveranstaltung mit und über Wikipedia abhalten. Im Rahmen eines Medienpraktischen Kurses am Institut für Medienwissenschaften der Universität Basel werde ich zusammen mit Studierenden der Medienwissenschaften und der Geschichte Wikipedia als neues mediales Phänomen der Wissenschaftskommunikation untersuchen. In einem zweiten Schritt werden wir selber wissenschaftliche Themen in Wikipedia bearbeiten und dabei beobachten, was mit den Texten geschieht. Dazu werden wir voraussichtlich im hauseigenen Wiki von hist.net einen Bereich einrichten, wo wir die Diskussionen werden führen können. Die Veranstaltung werde ich in vier Halbtagesblöcken zwischen April und Juni durchführen. Wenn ich die Gelder bewilligt bekomme, werde ich auch externe Fachleute nach Basel einladen.

Plagiatsdebatte

Stefan Weber, habilitierter Medienwissenschafter, Herausgeber eines sehr hilfreichen Readers und mehrfaches Plagiatsopfer, hat in einem kürzlich erschienenen Buch die leidige Plagiatsfrage aufgegriffen. Das Buch trägt den Titel «Das Google-Copy-Paste-Syndrom». Ein schöner und passender Titel. Ein schöner Zufall ist auch, dass die gleichen Elemente bereits im gleichen Kontext verwendet wurden: Unter dem Titel «copy/paste. Zur Kultur des Kopierens» fand 2004 an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel eine Lehrveranstaltung zum Thema Plagiate und Kopieren statt. Und zum Google-Syndrom erschien wenig später ein Aufsatz mit dem Titel «Google-Syndrom. Phantasmagorie des historischen Allwissens im World Wide Web». Wir freuen uns natürlich über diesen lustigen Zufall und werden das anregende Buch in Kürze ausführlicher hier vorstellen.

Welcome Wikipedia and goodbye?

Nach einer Flut von zum Teil unsäglich nichts sagenden Beiträgen zum Thema Wikipedia und die Geschichtswissenschaften scheint eine ernstzunehmende Debatte endlich auch im deutschen Sprachraum angekommen zu sein. In der neuesten Ausgabe der WerkstattGeschichte greift Maren Lorenz (Hamburg) das Thema fundiert und sachkundig auf. Sie beschreibt dabei die Mechanismen von Wikipedia und diskutiert Relevanz und Auswirkungen für das wissenschaftliche Schaffen. Ebenfalls in diesen Tagen scheint die Debatte um das Citizendium – citizens‘ compendium of everything – anzulaufen. Ob dieses vermeintliche Wikipedia 2.0 uns von den Grundübeln von Wikipedia befreien wird, darf allerdings bezweifelt werden.

HOK Reden: Plagiate – Fluch der Verfügbarkeit?

Ich habe letzthin über die Deutung zunehmender Plagiate sinniert. Darauf sind auch interessante Kommentare verfasst worden. Das Thema hat mich in der Auseinandersetzung mit einer Kollegin auf einen Artikel von Arthur Sterngold gebracht, der auf den Zusammenhang mit den Unterrichtsmethoden verwies. Er plädiert für einen Wechsel von einem instruktionsbasierten zu einem lernbasierten Unterrichtsstil: Besser durchdachte und begleitete Aufträge an die Studierenden und mehr Interaktion mit ihnen.

Dies führte mich zu folgender Überlegung, ob nicht einfach nur Faulheit der Studierenden, sondern eben auch unterschiedliche Verständnisse überr den Nutzen der erteilten Aufträge Plagiarismus fördert. Wenn Dozierende (und ich zähle mich jetzt selbstkritisch auch dazu) Aufträge erteilen, heisst es oft: Tragen Sie Informationen zum Thema X zusammen, vergleichen Sie diese und präsentieren Sie ihre Schlussfolgerungen. Erwartet wird oftmals Fleissarbeit: Zusammentragen möglichst vieler Literatur und klare Darstellung des Inhalts. Meist schliesst keine Auseinandersetzung daran an, oft sind diese Arbeiten am Ende des Semesters, oder gar danach abzuliefern und versanden mit einem kurzen Dank in der Schublade des Dozenten.

Im prädigitalen Zeitalter mag noch gegolten haben, dass das Zusammentragen und zusammenschreiben ein intellektueller Akt sei (Bücher finden und lesen, Inhalte neu formulieren), der zu einem Lernerfolg führe. Wiewohl selbst diese Auffassung umstritten ist, so ist ihr Sinn heutzutage erst recht nicht ersichtlich. Warum sollten die Studierenden Informationen zusammentragen, zusammenfassen, zusammenschreiben, da dies von unzähligen Vorgänger/innen bereits einmal geleistet worden ist und die Informationen ja ohnehin jederzeit zugänglich und in Sekundenschnelle abrufbar sind. Fluch der Verfügbarkeit.

Da erscheint mir die Forderung einsichtig, dass die Aufgaben an die Studierenden besser durchdacht, begründet und begleitet werden sollten. Sterngold macht folgende Vorschläge:

  • Schriftliche Arbeiten in kleinere Aufträge aufteilen, und die Ergebnisse jeweils kontrollieren und besprechen, bevor die Studierenden weiterarbeiten
  • Themen der schriftliche Arbeiten mit dem Inhalt des Kurses in Verbindung bringen
  • (Zwischen-)Ergebnisse der individuellen schriftlichen Arbeiten in den Kurs integrieren

Im Vergleich mit der Praxis in den Geschichtswissenschaften klingt das vertraut, wenn man etwa an die Seminar-Referate denkt, die anschliessend zu schriftlichen Arbeiten ausgebaut werden. Doch wie konsequent wird das gehandhabt?

Literatur:

HOK Reden

Aus der Welt der Wikis: studentisches Wikipedia-Missverständnis

Heute überraschte mich eine Kollegin mit der erstaunten Frage: Könne es sein, dass ich unseren Lehramtsstudierenden gesagt habe, dass man in einer schriftlichen Arbeit aus Wikipedia zitieren dürfe?

Nun, offenbar habe ich die Differenzierungsfähigkeit der Studierenden etwas überschätzt. Denn: Nein, selbst Wikipedia-Gründer Jimmy Wales (wie hier im Blog bereits zitiert) sagt: aus Wikipedia soll man in schriftlichen Arbeiten auf Hochschulniveau nicht mehr zitieren. In der Regel. Natürlich sind Ausnahmen denkbar: wenn es etwa um den Vergleich von Definitionen geht, oder um die Darstellung spezieller Sachverhalte (etwa biografische Angaben zu Jimmy Wales), die nirgends sonst in zitierfähiger Form publiziert sind. Aber das heisst ja weder, dass „man aus Wikipedia zitieren darf“ noch, dass man „Wikipedia nicht brauchen darf“.

Jimmy Wales bringt es ganz gut auf den Punkt (auch dies im Blog bereits einmal zitiert):

Es ist einfach lächerlich, Studenten zu sagen, sie dürften die Wikipedia nicht nutzen. Sie tun es ja doch. Professoren sollten wieder ihre Verantwortung wahrnehmen, den Studenten beizubringen, mit der Welt auf eine erwachsene Art und Weise umzugehen.(…) Wenn Sie einen Roman über den Zweiten Weltkrieg lesen und da ein Begriff auftaucht, den sie nicht kennen, greifen Sie zu einer Enzyklopädie und schauen es nach. Müssen Sie eine Seminararbeit zu dem Begriff schreiben, sind weder Britannica noch Wikipedia die richtige Quelle.
(TR-Interview vom 11.8.2006)

Also mache ich das hier einmal ganz ausdrücklich. Ob Brockhaus oder Wikipedia: Lexikon-Einträge gelten nicht als wissenschaftliche Literatur. Wenn in wissenschaftlichen Arbeiten, wie sie an Hochschulen von den Studierenden erwartet werden, solche Literatur zitiert werden soll – dann kein Wikipedia.

Natürlich kann Wikipedia als aktuelle Quelle (wie ein Zeitungsartikel) zitiert werden. Dann ersetzt sie nicht die wissenschaftliche Literatur, sondern wird für die Erläuterung eines bestimmten Sachverhaltes beigezogen.

Ein Grenzfall sind wissenschaftliche Handbücher: Es ist möglich, dass einzelne Wikipedia-Artikel die Qualität von Handbuch-Artikeln haben (vor allem, wenn sie von dort abgeschrieben wurden, aber das Thema Plagiat wollen wir hier nicht vertiefen) und dass in wissenschaftlichen Arbeiten unter Umständen auch aus Handbüchern zitiert werden kann (vor allem bei Begriffsbestimmungen). Daraus lässt sich aber keine allgemeine „man kann aus Wikipedia zitieren“-Regel ableiten.

Hingegen können gute Lexikon-Artikel (und solche finden sich auch in Wikipedia) durchaus als erste Orientierung und als Einstieg in eine Recherche zu einem wissenschaftlichen Sachverhalt geeignet sein.

Übersicht: Aus der Welt der Wikis