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Bild/ Code/ Speicher. Strategien des digitalen Erinnerns

iml-tagung

Aus Anlass des 60. Geburtstages von Prof. Rudolf Gschwind, Leiter des Imaging and Media Lab (IML) der Universtität Basel, führt das IML eine wissenschaftliche Tagung zum Thema «Bild, Code Speicher» durch.

«Die Tagung ‚Bild, Code, Speicher‘ reflektiert die Bedingungen, Methoden und Strategien des digitalen Erinnerns. Im Fokus stehen die digitale Langzeitarchivierung, die Alterung analoger Bildträger (auf die wir auch im digitalen Zeitalter angewiesen sind), deren Digitalisierung und die neuen Möglichkeiten der digitalen Restauration von Film und Fotografie. Die Sichtweise der technischen Machbarkeit wird jeweils durch Perspektiven der Museumspraxis und durch kulturwissenschaftliche Nutzerperspektiven ergänzt.» Schreibt Tagungsorganisator und hist.net-Blogger Elias Kreyenbühl.

Auch wr gratulieren Ruedi herzlich zum Geburtstag und freuen uns auf das schöne Programm!

Metadaten Guidelines für den Umgang mit digitalen Bildern

In der neuen digitalen Welt sind die Selbstverständlichkeiten der alten abhanden gekommen. Bilder müssen fortan stehen lernen, da sie sonst ihrem inneren Naturell Folge leisten und kurzerhand davonlaufen würden. Der Kulturgüterschutz hat soeben eine Broschüre mit dem Titel «Metadaten bei stehenden* digitalen Bildern» veröffentlicht. Auf der Titelseite wird ergänzt: «* Für die Präzisierung stehende «digitale Bilder (digital still images)» gilt in diesen Guidelines in der Folge überall die elliptische Version digitale Bilder»
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Vom Vergessen

Die technischen Möglichkeiten des Computerzeitalters verlocken heute dazu, zu vergessen, wie wichtig das Vergessen ist. Dass aber eine Gesellschaft, die nicht vergessen kann, nicht überlebensfähig ist, wussten schon die Autoren des Talmud: Im Traktat Nidda heisst es, dass das Ungeborene im Mutterleib die ganze Thora auswendig kennt. Im Augenblick der Geburt aber kommt ein Engel und gibt dem Neugeborenen einen Klaps – das Kind vergisst alles und muss die Heilige Schrift von Anfang an neu lernen:

Das Kind im Leibe seiner Mutter gleicht einer zusammengeschlagen liegenden Schreibmappe. […] Kommt es in den Weltenraum, so wird geöffnet, was geschlossen war, und geschlossen, was geöffnet war, denn sonst würde es nicht eine Stunde leben. Auf seinem Kopfe brennt ein Licht, und es schaut und sieht von einem Ende der Welt bis zum anderen Ende, wie es heisst: da er seine Leuchte strahlte über meinem Haupte, bei seinem Lichte wandle ich im Finstern. […] Es gibt keine Tage, die der Mensch so angenehm verbringt, wie diese Tage, denn es heisst: O, wäre ich wie in den Monden der Vorzeit, wie in den Tagen, die Gott mich behütete. […] Welche Tage sind es, die nur Monate und nicht Jahre haben? Es sind die Geburtsmonate. Man lehrt ihn die ganze Tora, wie es heisst: er unterwies mich und sprach zu mir: Dein Herz erfasse meine Worte, wahre meine Gebote und du lebst. […] Sobald er in den Weltenraum gekommen ist, kommt ein Engel, klapst ihn auf den Mund, und macht ihn die ganze Tora wieder vergessen, denn es heisst: an der Tür lagert die Sünde.*

*Zitiert nach: Der babylonische Talmud. Nach der ersten zensurfreien Ausgabe unter Berücksichtigung der neueren Ausgaben und handschriftlichen Materials ins Deutsche übersetzt von Lazarus Goldschmidt (12 Bände), Frankfurt am Main 1996 (zuerst: Berlin 1930-1936), Bd. 12, S. 440f.

Digitale Erinnerungen oder: Vom (gelegentlichen) Verschwinden der Instrumente

Natürlich war das purer Zufall: In den letzten Tagen haben sich gleich zwei von mir seit Jahren häufig besuchte Web-Adressen ein neues Gesicht gegeben: die Universitätsbibliothek Basel und der Tages-Anzeiger in Zürich. Bei der UB ist mir aufgefallen, dass die eigensinnig-bunte Seite, die seit «Menschengedenken» im Netz war, nun einem schlichten, sterilen, aber natürlich sehr funktionalem Erscheinungsbild gewichen ist. Ziemlicher Mainstream im Bereich Bibliotheken, aber eben: ein gutes Arbeitsinstrument.

Beim Tages-Anzeiger hingegen ist es nicht einmal Mainstream, was geboten wird, es ist einfach eine weitere Spielart der FAZNZZNYT-Clone. Während aber die gute alte Tante NZZ (die immer schon einen Tick besser war im Netz als alle anderen im deutschen Sprachraum) durchdacht und aufgeräumt ist, wirkt die Tagi-Seite ziemlich voll und noch wenig durchdacht. Es reicht halt eben nicht, die visuelle Sprache des Mainstreams zu übernehmen und die einzelnen Elemente über die Seite zu streuen.

Einige Beobachtungen zu diesen beiden aktuellen Relaunches: Dass die grösste seriöse (?) Tageszeitung der Schweiz sich ein Impressum leistet, über das sich die ganze Branche bereits schief lacht, mag man als lustige Anekdote der helvetischen Pressegeschichte verstehen. Dass die Website nicht ein Jota Eigenständigkeit aufweist, ist hingegen ein ziemliches Armutszeugnis.

Die Seite der UB hat mich in den letzten Jahren fast täglich bei meinen Arbeiten begleitet. Seit einigen Tagen ist sie verschwunden. Ich habe kein Bild, keine Kopie, nichts, das mir geblieben ist (ausser die Archiv-Kopien auf archive.org). Nur die Erinnerung. Bei anderen Arbeitsinstrumenten, die mich bei meinen Recherchen und Buchprojekten in den letzten Jahren ebenfalls begleitet haben, habe ich entscheiden können, ob ich mir ein Stück Erinnerung aufbewahren möchte oder nicht: Notizbücher, Repertorien, kopierte Aufsätze – sie stehen bei mir in meinem Arbeitszimmer und manchmal helfen sie mir auf die Sprünge, wenn ich die Herleitung eines Gedankens, den ich irgendwo einmal formuliert habe, mir wieder vergegenwärtigen möchte. Die Web-Seiten derjenigen Institution, in der ich wohl die meisten Stunden verbracht habe, sind indes weg. Ein Teil der Genese meiner Arbeiten – «Paratexte» gleichsam des Schreibprozesses – ist damit verschwunden.

Das totale Gedächtnis. Eine Horrorvision aus den IT-Laboratorien

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Der Radiomacher und Blogger Patrik Tschudin hat in seinem Weblog io auf eine regelrechte Horrorvision des totalen digitalen Gedächtnisses hingewiesen: Jeder Klick und jeder Tastendruck wird registriert und abgelegt. Alles wird gespeichert, alles ist reproduzierbar. Ein Forschungsbericht aus der Küche von Google und Microsoft skizziert eine solche Entwicklung. Das Militär kam übrigens schon früher auf ähnliche Gedanken, wie Telepolis 2003 berichtete.

Babelblog: ein erster Rückblick / a first review

babelblog

Vor zwei Monaten starteten wir den Versuch „babelblog“: Wir öffneten unseren Weblog einer international zusammengestellten Gruppe von Historiker/innen, die aus ihrer Perspektive über die Geschichtswissenschaften im digitalen Zeitalter berichten sollten. Nach zwei Monaten und acht Einträgen von drei Autoren wollen wir einen ersten Rückblick halten.

Mills Kelly berichtete von einem Projekt, das die Entwicklung von Hilfsmitteln zur Erschliessung grosser Textmengen von historischem Interesse zum Ziel hat, vom Versuch der Library of Congress, ihr Bildarchiv auf Flickr bereit zu stellen und mit kollaborativem Tagging erschliessen zu lassen, einem Wiki, das dem (vor allem US-amerikanischen) Archiv-Wesen gewidmet ist, und von einem OpenSource Software-Paket, das mit Web-2.0-Technologien das Erstellen von Ausstellungs-Websites ermöglicht, bzw. vereinfacht.

Marcin Wilkowski berichtete von zwei Projekten in Polen, die historische Sachverhalten mit Web-2.0-Technologien darstellen und stellte die Frage, inwiefern die Erinnerung public domain ist, bzw. ob ein Privatunternehmen Bildmaterial von historischen Ereignissen, die eine ganze Gesellschaft betreffen, zu Werbezwecken einsetzen darf.

Loudovic Tournes schliesslich stellt die provozierende Frage, ob im digitalen Zeitalter die althergebrachten Bibliographien überhaupt noch einen Zweck erfüllen.

Wir warten gespannt auf die nächsten Einträge und sind zuversichtlich, dass bald weitere Autor/innen mit eigenen Beiträgen auf sich aufmerksam machen werden.

In January we started our project „Babelblog“: we invited some historians from different parts of the world to join our blog and post about the historical sciences in the digital age from their point of view. After two months and eight posts from three contributors, we think it’s time for a first look back.

Since most of the posts are in english, we do without replicating them one by one. We would like to point out the post of Loudovic Tournes though, not because it’s the only one in french so far, but rather because he asks boldly, whether in the digital age compiling and maintaining bibliographies is still making sense, or whether new technologies make those pre digital techniques needless.

In any case we are looking forward to a lot more interesting posts, that will come up during the next months – not only from the contributors we already have read, but also from new ones.

Das Buch der Woche: Geschichte im Gedächtnis

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Unser heutiges «Buch der Woche» ist das neueste Buch von Aleida Assmann, die, obwohl Anglistin und Literaturwissenschaftlerin, eine der wichtigsten Stichwortgeber/innen der modernen Historiographie geworden ist. In ihrem neuesten Buch, entstanden aus einer Vorlesungsreihe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, beschäftigt sich Assmann erneut mit dem zentralen Thema ihres Schaffens: dem Gedächtnis. Dabei legt sie diesmal den Fokus auf die Rolle und Funktion von Generationen und exemplifiziert das Thema an einigen exemplarischen Generationen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Besonders gefallen hat mir der zweite Teil des Buches, in dem Aleida Assmann drei Grundformen historischer Präsentationen unterscheidet: Erzählen, Ausstellen und Inszenieren.

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Storytelling und Alpenglühn

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Nach den anregenden Tagen in Berlin nun noch ein Abstecher in die Alpen, nach Innsbruck. Unter dem Titel «Erzählen – medientheoretische Reflexionen im Zeitalter der Digitalisierung» trafen sich gestern und heute rund 60 Medienwissenschafter, Medienpädagogen und natürlich auch ein paar Historiker aus ganz Europa an der von Innsbruck Media Studies organisierten Tagung.

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