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Nur für starke Nerven….

Es gibt Momente, da überkommt mich mit Schaudern der Gedanke, was Historiker/innen in 100 Jahren wohl über uns frühdigitale Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts denken werden. Unseren Weblog wird es nicht mehr geben, Windows und Mac wird es nicht mehr geben, Microsoft wird eine vage Erinnerung sein (wie so vieles andere auch), und der persönliche Google-Assistent wird uns morgens beim Aufstehen im Headup-Display, der im Badezimmerspiegel integriert ist, darauf hinweisen, dass wir den Müll runtertragen sollen („Ihr Mülleimer ist voll“). Denn das besorgen der Mann und die Frau der Zukunft noch immer von Hand…

Dann wird vielleicht jemand auf einer uralten Festplatte in einer vergessenen Serverfarm aus der Konkursmasse einer Schweizer Grossbank dieses alte, verpixelte Video (siehe oben) entdecken – was wird der eilends beigezogene Experte für frühdigitale Kulturtechniken daraus für Schlüsse ziehen? (mehr …)

Gesucht: Digitale Historikerinnen und Historiker

Nein, auch diesmal handelt es sich nicht um eine Stellenausschreibung, es geht vielmehr um eine Umfrage. In Zusammenarbeit mit dem Landesarchiv Baden-Württemberg suchen wir Kolleginnen und Kollegen, die bereits heute mit genuin digitalen («digital born») – also nicht retrodigitalisierten – Quellen arbeiten.

Der Hintergrund dieser Umfrage: Archive stehen heute vor der Situation, dass viele Informationen sowohl in digitaler als auch in analoger Form vorliegen. Die Archivierung konventioneller Dokumente ist wohl bekannt, die der digitalen Geschwister weniger. Es bedarf also erstens neuer Argumente, um in diesen Fällen für den Erhalt der digitalen Form zu plädieren und zweitens eigener Kriterien, die die notwendigen Auswahlprozesse steuern können.

Um die Archivierung digitaler Unterlagen voranzubringen (und damit das Feld für die künftigen Historiker/innen zu bereiten), wären Antworten auf die nachfolgenden Fragen sehr hilfreich:

  • Wie können Archiviare für künftige Historiker/innen eine möglichst gute digitale Überlieferung hinbekommen?
  • Wo arbeiten Historiker bereits heute mit genuin digitalen Quellen (Quellen, die digital entstanden und geblieben sind)?
  • Ist es für die Forschungen erheblich oder unerheblich, dass diese Quellen in digitaler Form vorliegen? Warum?
  • Welche Eigenschaften sollten digitale Quellen für die Forschungen besitzen (z.B. Durchsuchbarkeit, statistische Auswertbarkeit etc.)?
  • Welche Typen digitaler Quellen (z.B. Webseiten, Blogs, elektronische Akten) erscheinen heute in besonderem Maß interessant für künftige Historiker?
  • Welche Bereiche der heutigen Informationsgesellschaft (z.B. bestimmte Vereine oder Gerichte) sollten für künftige Generationen archiviert werden?
  • Oft sind die rechtsverbindlichen Quellen noch auf Papier, während die digitalen Formen zugleich leichter zu benutzen sind. Wie lassen sich diese beiden Aspekte (Rechtsverbindlichkeit / digitale Benutzbarkeit) für eigene Forschungsprojekte gewichten?

Das Landesarchiv möchte interessierte Historiker/innen, die bereit sind, zu diesen Themen Auskunft zu geben, kontaktieren. Eine Kontaktaufnahme ist unter umfrage@histnet.ch möglich. An diese Adresse können auch gerne erste Stellungnahmen und Kommentare zu den oben skizzierten Fragen geschickt werden. Sämtliche Mails an die Adresse umfrage@histnet.ch werden sowohl an Herrn Dr. Christian Keitel vom Landesarchiv Baden-Württemberg wie auch an mich weitergeleitet!

Antworten, die hier eintreffen, sollen zusätzlich auch in mein Forschungsprojekt «digital.past | Geschichtswissenschaften im digitalen Zeitaler» am Historischen Seminar der Universität Basel einfliessen (auf Wunsch auch gerne in anonymisierter Form).

Herzlichen Dank fürs Mitmachen!