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Schreiberlings Traum

Es ist nun einmal so: Wir sind und bleiben Schreibtischtäter. Wir, damit meine ich die Angehörigen der Zunft der Historiker. Der grosse Michel de Certeau, den wir hier ja auch schon erwähnt haben, sprach zwar von der «opération historiographique» und liess mich damit weniger einen hölzernen Schreibtisch als vielmehr chromblitzende Operationsinstrumente assoziieren. Aber das ist nur eine Illusion, der schöne Schein der klinischen Reinheit, den wir aber nie erreichen werden. Nein, wir sitzen am Schreibtisch, vor uns ausgebreitet die Beute aus Bibliothek und Archiv, Papierstapel, wohin man schaut und viele Bücher natürlich.
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Geschichtstage: Technikgeschichte

Monika Dommann (Uni Zürich) berichtete unter dem Titel “Von der Druckerpresse zum Wissenssystem (1960-1975)” über die Umbrüche und Automatisierungsprozesse in der Bibliothek. In einem ersten Teil ging es um Siegfried Giedion und das Zeitalter der Mechanisierung. Giedion hat in seinem erstmal 1948 englisch erschienen Buch die Prozesse der Mechanisierung untersucht und – zu einem sehr frühen Zeitpunkt – kritisch analysiert. Der zweite Teil des Vortrages behandelte McLuhan, der 1962 in seinem vielzitierten Buch “The Gutenberg Galaxy” das (vermeintliche) Ende der Buchkultur beschrieben hat. Den Hauptteil des Referates bildete eine Fallstudie über die Mechanisierung des Abschreibens in der Bibliothek. Dommann ging es dabei um die Frage, wie die Geschichtswissenschaft die Nutzung neuer Medien – hier des Photokopierers – untersuchen kann. Sehr anschaulich zeichnete Dommann die Durchsetzung von Kopiermaschinen im bibliothekarischen Kontext nach und spannte einen weiten Bogen hin zu den aktuellen Copyright-Diskussionen. Nur ein Beispiel: Wenn Photokopien von Aufsätzen den Sonderdruck ersetzen, dann verändert sich natürlich auch das Kommunikationsverhalten von Wissenschaftern. Fazit: Ein schönes Beispiel für den fruchtbaren Zwischenraum zwischen Technikgeschichte, Wissensgeschichte und Bibliothekswissenschaft.

P.S.: Die Tatsache, dass in diesem Panel nur drei Vorträge eingeplant waren, erwies sich als sehr angenehm! Schade, dass dies nicht Standard ist an den Geschichtstagen.

Europeana – La Grande Nation fights back!

Wir wussten es ja: Das wird sich die Grande Nation nicht bieten lassen! Die kulturelle Vorherrschaft sich von ein paar amerikanischen EDV-Schnöseln mit einem dicken Portemonnaie wegschnappen zu lassen – so nicht! Jean-Noel Jeanneney, der ebenso visionäre wie auch kampfeslustige Direktor der Bibliothèque Nationale de France, kündigte ja an, dass man das Vorpreschen von Google bei der Massendigitalisierung von historischen Büchern nicht einfach so akzeptieren werde. Nun wissen wir, wass die BNF ausgebrütet hat: Europeana.

Visualisierungen II

Da wir es heute schon einmal ausführlich vom Thema Visualisierung hatten, hier ein interessanter Hinweis aus dem Weblog des unermüdlichen Mark Buzinkay: Ausführlich stellt er ManyEyes vor, ein von IBM entwickeltes Instrument, um grosse Datenmengen zu visualisieren. Das ist nicht ganz die im vorherigen Beitrag von Jan Hodel sehr anschaulich beschriebene Brachialmethode (die m.E. eine Spielerei, aber sonst rein gar nichts ist), sondern einen Tick komplexer und hat auch nicht Quellen im Stil von Wikipedia als Grundlage.

Als Einstiegsliteratur zum Thema eigent sich übrigens folgender Aufsatz: Schwartz, Dieter: Visualisierung in digitalen Bibliotheken. Aufbereitung von Daten und ihre Darstellung in virtuellen Welten, in: B.I.T. online, 6 (2003), 4, S. 343-346. Weitere Literaturangaben finden sich in der Literaturliste meines Seminars «Im Netz des Wissens. Struktur und Chaos im World Wide Web», das im Sommersemester 2006 am Institut für Medienwissenschaft stattfand.

Google kooperiert mit erster deutscher Bibliothek

Was sich gestern bereits erahnen liess, wurde heute bestätigt: Google kooperiert mit erster deutscher Bibliothek, berichtet heise online. Ob das Sinn macht? Für Google? Und die Bayerische Staatsbibliothek?

Tagging, Google oder Virtuelle Fachibliothek?

Das Non-Profit-Organisation Pew Internet and American Life Project legt einen neue Studie zum Tagging vor, wonach Tagging von 28% der Internet-User (in Amerika) genutzt wird, von 7% sogar regelmässig, um Inhalte im Internet strukturell zu erschliessen.

Kollege Ben vom Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaften an der Humboldt-Universität in Berlin kommt zum Schluss:

..selbst wenn es so manche im Bereich der bibliothekarischen Sacherschließung geschulten Informationsprofis nicht wahrhaben wollen, scheint dieses Verfahren im Alltagsgebrauch zusammen mit einer “googlianischen” Volltexterschließung für den Standardbedarf an Internetinhalten effektiver als die eine oder andere Virtuelle Fachbibliothek. (Die Web-Informations-Prosumer erschliessen sich selbst, IB Weblog, 1.2.2007)

Tagging könnte einerseits schnell und brauchbar eine gangbare Lösung für die Strukturierung von Internet-Beständen sein. Denkbar wäre Tagging auch für die zusätzliche Erschliessung bereits strukturierter Daten wie Bibliothekskataloge. Dass sich die Bibliotheken offen zeigen für neue Erschliessungsansätze, zeigt (m.E.) das Beispiel BibTip.

Philipp Melanchthon in Budapest

Eigentlich wollen und können wir hier im Weblog von hist.net nicht den Anspruch haben, auch nur auf die wichigsten Digitalisierungsangebote im Netz hinzuweisen. Unsere Kollegen von Archivalia, Adresscomptoir oder auch ClioWeb machen das fundierter und mit mehr Ausdauer. Hin und wieder aber wollen wir doch etwas aufgreifen, was uns speziell aufgefallen ist oder das zu einem Themengebiet gehört, das auf hist.net speziell gepflegt wird – etwa die ungarische Geschichte.

Unser Hinweis also deshalb auf die Magyar Elektronikus Könyvtár (MEK) – die elektronische ungarische Bibliothek. Betrieben wird sie von der ungarischen Nationalbibliothek und in den letzten Monaten ist der Bestand an digitalisiertem Material extrem angewachsen. Wer sich per RSS über die Neueingänge informieren lässt, wird Woche für Woche rund ein bis zwei Dutzend neue Digitalisate im Netz vorfinden. Dabei wird ein bunter – und sehr pragmatischer – Methodenmix pratktiziert. Da gibt es von der farbig eingescannten Seite bis zum abgetippten Text alle Varianten – für die Forschung aber ist das Material in aller Regel brauchbar, weil auf korrekte Metadatierung geachtet wird. Der Anteil deutschsprachigen Materials ist zwar nicht umwerfend (aktuell: 122 Einträge) aber hin und wieder findet sich auch für den der ungarischen Sprache unkundigen Forscher etwas, zum Beispiel «Ein christliche Ermanung … an den … König Ferdinandum» von Phlilpp Melanchthon, gedruckt von Friedrich Peypus in Nürnberg im Jahre 1529. Unsere Empfehlung: ausprobieren und ungarisch lernen!

Aus dem OPAC direkt in BibSonomy

Meine Lieblingsliste Inetbib meldete gestern, dass der Kölner Universitäts-Katalog ab sofort die Möglichkeit bietet, bibliographische Daten eines gefundenen Buches direkt per Mausklick zu Bibsonomy zu senden:

Der Koelner UniversitaetsGesamtkatalog (KUG) [...] verfuegt seit heute ueber eine Verbindung zu dem ‘social bookmark and publication sharing system’ BibSonomy. Von einem Einzeltreffer oder einem Merklisteneintrag koennen nun ueber ein Share-Icon per Klick direkt aus dem KUG heraus die relevanten bibliographischen Daten des Titels an BibSonomy gesendet und dort weiter praezisiert sowie abgespeichert werden. BibSonomy wird von der Knowledge and Data Engineering Group der Universitaet Kassel entwickelt und betrieben, die mit BibSonomy auch im europaeischen Projekt TAGora involviert sind. Mit dem Aufbau und dem Austausch von Bibliographie-Listen ausgehend von einem OPAC oder Recherche-Portal (bei uns ist das der KUG) im Kontext einer Social-Software (wie hier BibSonomy) stehen dem Nutzer durch die Kombination weitere Nutzungsmoeglichkeiten offen und er kann
von dem Mehrwert profitieren (bzw. zu diesem selbst beitragen), der durch Social-Software generiert wird.

Cool! Das ist ganz ähnlich dem Konzept, das wir mit Lit-Link verfogen: Bibliographische Daten per Mausklick in die eigene Bibliographie zu befördern. Bei Lit-Link haben wir dies mit dem Plugin XMLdump gelöst, das bereits einige der grossen Bibliothekskataloge «auslesen» kann. Soviel sei schon verraten: Bald werden es mehr und auch ganz andere Kataloge sein, aus denen sich per Mausklick Daten in Lit-Link exportieren lassen!

Historische Zeitschriften per RSS

Schon wieder die Wiener …! Der (Wiener) Kulturhistoriker Anton Tantner hat auf seinem (nicht nur für Hausnummer-Spezialisten absolut lesenswerten) Weblog namens Adresscomptoir einige geschichtswissenschaftliche Fachzeitschriften zusammengetragen, die ein RSS-Feed anbieten. Ich frage mich, wann die TOC-Dienste von H-Soz-u-Kult oder auch einiger Bibliotheken durch diese Entwicklung obsolet werden. Auf jeden Fall zeichnet sich eine Neustrukturierung des «TOC-Marktes» ab.

Webzitate verbieten? Plagiatoren bestrafen?

In seinem dritten Teil über die Bedrohung der Wissenschaften durch das Web, das intensives Copy/Paste-Verhalten und das Verfassen von Plagiaten begünstigen, geht Stefan Weber soweit, die Zitation von Web-Zitaten ganz grundsätzlich in Frage zu stellen:

Wie war es möglich, dass die Kulturwissenschaften einhellig “entschieden” haben, Webquellen nahezu jedweder Art in die höheren Weihen der wissenschaftlichen Zitierbarkeit aufzunehmen?

Zwar differenziert Weber diese Aussage im gleichen Artikel noch, und plädiert dafür, Internet-Inhalte nur noch als Gegenstand (im geschichtswissenschaftlichen Sinne also als Quelle) zu akzeptieren, ausser sie seien nachweislich von wissenschaftlichem Rang. Aber war und ist das nicht auch bei Print-Medien so?

Geht die Kritik nicht eher in die Richtung, dass nicht nur die einfache Verfügbarkeit von allerlei Wissen bei den Studierenden zu einem sorglosen Umgang mit Arbeitsmaterialien geführt hat, sondern eben auch die Überforderung der Lehrenden, bzw. der Institutionen, die bislang keine Anleitung haben bieten können, wie die Studierenden im Netz zu wissenschaftlich validen Informationen kommen, die dem früher obligaten Bibliotheks-Besuch in der wissenschaftlichen Bibliothek (und eben nicht in der Stadtbücherei) entspricht? Ob dies sich auch belehren lassen, ok – das ist auch noch mal eine andere Geschichte.

Zudem scheint mir grundsätzlich die Auseinandersetzung mit dem Copy/Paste-Zugang zu Informationen etwas zu kulturpessimistisch angelegt zu sein. Handelt es sich nicht einfach um einen normalen Übergangsprozess bei einem grundlegenden Medienwandel, der eben auch Unsicherheiten und Miss-Konzepte erzeugt, die aber eher mit dem Übergang, als mit den Spezifika der neuen Medien zu tun hat?

Dennoch ist die konkrete Frage nach dem Umgang mit Plagiatsverhalten aktuell und bedarf der Klärung. Pranger-Lösungen, wo Studierende, die des Plagiats überfuhrt wurden, auf einer Schwarzen Liste geoutet werden, können es ja wohl auch nicht sein. Vor allem, wenn betroffene Studierenden vorbringen, sie hätten lediglich versäumt, bei einzelnen Zitaten das Abführungszeichen zu setzen, was bereits als Plagiatsvergehen eingestuft wurde. Da stellt sich auch die Frage, welche Möglichkeiten zur Verteidigung Studierenden zugestanden werden, wenn Hochschulen durchsetzen wollen, dass Plagiatsvergehen hart bestraft werden sollen. Schliesslich: Ist die Vermeidung von Plagiaten nicht auch eine Aufgabe angemessener Ausbildung in einer veränderten Medienwelt (wie Eva Pfanzelter an der Weiterbildung in Innsbruck vermerkte, an der ich mein Konzept der Historischen Online-Kompetenz vorstellte)?

 

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