weblog.hist.net

Archiv für das Jahr 2007

H-Soz-u-Kult in neuem Kleid

hsozkult2

H-Soz-u-Kult ist seit heute mit einem neuen, zeitgemässeren Erscheinungsbild online.

Wikipedia: zitieren oder nicht zitieren?

wikipedia_zitieren

Klaus Graf hat heute auf Inetbib ein sehr gutes Argumentarium verschickt, das ich gerne hier aufnehmen möchte:

(i) Jede Quelle ist „zitierfaehig“. Wenn ich etwas als „Quelle“ heranziehe, muss ich sie nennen.

(ii) Alles kann als „Quelle“ dienen. In einem Referat „Die duemmsten Irrtuemer der Wikipedia“ zitiert man selbstverstaendlich die Wikipedia als Quelle.

(iii) Bietet ein allgemeines Nachschlagewerk eine besonders gelungene oder griffige Definition, so ist es Usus, diese als woertliches Zitat anzufuehren. Bei der Wikipedia hat es sich nicht anders zu verhalten.

(iv) Es gibt hunderte wissenschaftlich zitierfaehige Artikel, die auf dem Niveau eines spezialisierten Nachschlagewerks (nicht: Allgemeinenzyklopädie) sind, das selbstverstaendlich im wissenschaftlichen Diskurs zitiert wird (Lexikon des Mittelalters, Enzyklopädie der Neuzeit usw.).

(v) Vor jedem Zitat hat eine kritische Inhaltspruefung zu erfolgen. Die Wikipedia ist als Online-Quelle genauso zitierfaehig oder nicht zitierfaehig wie die gedruckte „Zwischen Amper und Würm: Heimatbeilage für den Landkreis Starnberg und das Würmtal“.

(vi) In verschiedenen Disziplinen und Kontexten gibt es schon hinsichtlich traditioneller Publikationen unterschiedliche Ansichten darueber, was „zitierfaehig“ist.

Unproblematisch scheinen mir die Punkte (i) und (ii) zu sein – zumindest in der neueren Geschichtswissenschaft ist die Fixierung auf bestimmte Quellengattungen aufgeweicht zu sein. Und dass man zitiert, worauf man sich stützt, ist selbstverständlich.

Interessant wird es meiner Meinung nach bei den Punkten (iii), (iv) und (v) . Hier schreibt Graf zu recht, dass es eine „eine besonders gelungene oder griffige Definition“ sein soll, wenn aus einem Nachschlagewerk zitiert werden soll. Grundsätzlich bin ich mit Graf in diesem Punkt vollkommen einverstanden. (mehr …)

Stefan Weber und die Plagiatsfalle

plagiarius550.jpg

Stefan Weber ist ein scharfsinniger, ein gnadenloser und wohl ein ziemlich gestrenger Plagiatsjäger. Er hat zahlreiche Plagiatsfälle auffliegen lassen und strenge Regeln aufgestellt darüber, was rechtens und was nicht rechtens ist im edlen Feld der Wissenschaften. Auch wenn wir in vielen Fragen eine andere Meinung haben: Seine Hartnäckigkeit und sein entschiedenes Auftreten gegen den Sitten- und Niveauzerfall in den Wissenschaften („Textkultur ohne Hirn“) sind ihm hoch anzurechnen und mit seiner Arbeit übernimmt er eine wenig dankbare Rolle im gegenwärtigen Hype um alles Neue und Moderne.

Umso mehr mussten wir schmunzeln, als wir sahen, dass er bei seinen eigenen Buchtiteln nicht so gar strenge Masstäbe anzusetzen scheint, wenn es darum geht, einen originellen und auch noch originären Titel zu finden. Letztes Jahr erschien sein vielbeachtetes Buch mit dem Titel „Das Google-Copy-Paste-Syndrom„, ein schöner Mix aus „Google-Syndrom„, das wir vor Jahren als Begriff eingeführt hatten und dem Allerweltsausdruck „Copy/Paste“ (was aber immerhin der Titel eines Seminars von mir vor Jahren war …). Als ich augenzwinkernd über diesen kleinen Schönheitsfehler berichtete, schrieb er mir postwendend zurück, das sei ihm nicht bekannt gewesen …

Auch mit seinem neuen Buch ist der Plagiatsjäger – zumal seinen eigenen Kriterien gemäss – vermutlich in die Plagiatsfalle getrampt. „Die Medialisierungsfalle. Kritik der Neuen Medien“ heisst das für 2008 angekündigte Buch. Wir freuen uns schon heute auf die Lektüre und runzeln ob des phantasievollen Titels die Stirn: „Kritik der Neuen Medien. Ein eschatologischer Essay“ nannte Uwe Jochum, der demnächst in Basel auftreten wird, sein hübsches und provokatives Büchlein, Jahrgang 2003.

Und weil wir grad dran sind: Auch Lehrveranstaltungen laden zum – wie sollen wir das nun nennen? – Sich-inspirieren-lassen ein …: das da hat doch mit dem respektive dem eine gewisse Ählichkeit, oder haben wir etwas übersehen? Naja, das seminarbegleitende Weblog fehlt immerhin.

P.S.: Lesenswert indes der Beitrag von Weber auf Inetbib zur laufenden Debatte „Wikipedia vs. Brockhaus“

P.P.S.: Das Bild stammt von der digitalen Edition des Grossen Konversationslexikons von Meyer, das Peter Hug freundlicherweise ins Netz gestellt hat (nein, nicht der Peter Hug …).

Bibliographieren 2.0

innovate550.jpg

Lambert Heller weist bei Netbib auf ein Interview mit Trevor Owen, Historiker, Blogger und Zotero-Entwickler hin, in welchem das Thema Bibliographieren im vernetzten Zeitalter thematisiert wird. Das knüpft sehr schön an die Ausführungen an, die ich anlässlich der Steinschneider-Tagung in Berlin hier gepostet habe.

Zitieren von und in Weblogs

blogzitat1.pngIn der Wissenswerkstatt (welch passender Name für einen Wissenschaftsblog), die von Marc Scheloske geführt wird,1 habe ich zwei Beiträge gefunden, die sich aus unterschiedlicher Warte mit der wissenschaftlich elementaren Arbeitstechnik des Zitierens befassen: Wann darf man im wissenschaftlichen Kontext aus Weblogs zitieren, und wie? Und welche Regeln gelten für Zitate in Weblogs? (mehr …)

  1. Scheloske steht auch hinter dem Wissenschafts-Café, das wir hier kürzlich erwähnt haben []

Good Boys And Bad Guys

Stern: Wikipedia

Es ist schon interessant, wie sich das diskursive Feld formiert: Hier die üblen Burschen von Google („Datenkrake“), die unser aller Daten möglichst umfassend sammeln und dann gewinnbringend verscherbeln – ja überhaupt den Datenfluss im Internet kontrollieren wollen.1 Und dort die wackeren, unbeugsamen Helden des freien, anarchischen, demokratischen Wissens (jaja, die Assoziation mit Asterix drängt sich auf) bei Wikipedia. Nun hat der Stern (nach Nature und ct)2 auch noch einen Test nachgeschoben (und macht damit gleich auf der Titelseite auf). Wikipedia wird darin mit dem Brockhaus verglichen (der Online-Ausgabe allerdings). Thomas Osterkorn fasst das Ergebnis im Editorial wie folgt zusammen:

Das Ergebnis des Tests hat uns alle überrascht: Wikipedia lässt in vielen Fällen selbst den ehrwürdigen Brockhaus alt aussehen.

(mehr …)

  1. Vgl. den letzten Hinweis in diesem Blog von Peter Haber, aber auch schon frühere Beiträge zu diesem Thema von mir. Sehr passend auch der Blog-Eintrag „Wissen, was Google von mir weiss“ von Beat Döbeli []
  2. Vgl. Weblog-Einträge zu Nature-Studie und zu ct-Test []

Mechanismen medialer Aufmerksamkeit

uniintern550.jpg

Nach diversen Medienberichten im April und dann im Herbst über den Kurs «Schreiben für Wikipedia» hat sich kürzlich auch die Redaktion von intern, der Mitarbeiter/innenzeitung der Uni Basel für die Veranstaltung interessiert – was mich sehr gefreut hat. Den kurzen Bericht gibt es hier, ein längere Version folgt demnächst.

Das Buch der Woche: Geschichte im Gedächtnis

buchderwocheassmann275.jpg

Unser heutiges «Buch der Woche» ist das neueste Buch von Aleida Assmann, die, obwohl Anglistin und Literaturwissenschaftlerin, eine der wichtigsten Stichwortgeber/innen der modernen Historiographie geworden ist. In ihrem neuesten Buch, entstanden aus einer Vorlesungsreihe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, beschäftigt sich Assmann erneut mit dem zentralen Thema ihres Schaffens: dem Gedächtnis. Dabei legt sie diesmal den Fokus auf die Rolle und Funktion von Generationen und exemplifiziert das Thema an einigen exemplarischen Generationen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Besonders gefallen hat mir der zweite Teil des Buches, in dem Aleida Assmann drei Grundformen historischer Präsentationen unterscheidet: Erzählen, Ausstellen und Inszenieren.

(mehr …)

Der etwas andere Bibliothekskatalog

dandelon550.jpg

Mit rund 400’000 Buchtiteln, deren Inhaltsverzeichnisse im Volltext durchsuchbar sind, stellt Dandelon – nach eigenen Aussagen – wohl einer der grössten derartigen Kollektionen in Europa dar. Monatlich kommen etwa 20’000 neue Titel hinzu. Hinter dem Katalog stehen Einträge aus «National-, Landes-, Universitäts- und Fachhochschulbibliotheken in Bregenz, Dornbirn, Vaduz, St. Gallen, Darmstadt, Mainz, Göttingen, Braunschweig, Hamburg, Kiel und Berlin, sowie Daten aus Verlagen, die wir zusätzlich einspielen und viele fleissige Mitarbeiter, Freunde, Kollegen, Partner.» Auch wenn viele andere Kataloge bereits ähnliche Dienste anbieten, scheint mir Dandelon eine für Historiker recht nützliche Auswahl an Material zu bieten. Etwas monströs die Eigenwerbung: «Search Engine für wissenschaftliche Literatur – semantisch, crosslingual, kollaborativ, unabhängig, international».

Geschichte des PC – History Repeating?

Jan Schmidt weist in seinem (Pflicht-Lektüre!-) Weblog auf einen Artikel des Technik-Historikers Michael Friedewald (Projektleiter am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe) hin, der den Titel „Computer Power to the People1 trägt. Friedewald stellt darin fest, dass schon zu Beginn des PC-(und Internet-) Zeitalters von „radikalen gesellschaftlichen Veränderungen“ und dem Aufkommen der Informationsgesellschaft die Rede war. Zur Analyse des Leitgedankens „Informationsgesellschaft“ hat Friedewald

[…] die Kon­zepte der (a) Benutzerfreundlichkeit, (b) des universellen Zugangs und (c) der Inter­aktivität als Abwandlungen der klassischen revolutionären Ideale (Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit) untersucht. Dabei erweist sich die Idee der Informationsgesellschaft als eine Fortschreibung des Fortschrittsglaubens der Moderne. (S. 1)

Während hier also die Digitalisierung der Geschichte thematisiert wird, handelt es sich hier um die Historisierung der digitalen Medien. Interessant, dass selbst hier der Bezugspunkt die Französische Revolution zu sein scheint.

Jan Schmidt fügt übrigens noch die Frage an, ob sich irgendwer mit der Geschichte der Informatik wissenschaftlich auseinandersetze, ob es Lehrstühle oder Journale gäbe. Mehr als informatikgeschichte.de, Teil der Gesellschaft für Informatik, kenne ich auch nicht, zumal die verschiedenen Vereine im Schosse der Association for History and Computing2 (AHC), deren internationale Website (oweh) zur Zeit gerade nicht erreichbar ist, sich eher dem Einsatz der Informatik und der Informationstechnologien in der Geschichtswissenschaften widmen (Schweiz (AHC-CH), USA (AAHC)). Lehrstühle gibt es meines Wissens im deutschsprachigen Raum keine. Ich lasse mich da aber auch gerne belehren.3

  1. Friedewald, Michael: „Computer Power to the People! Die Versprechungen der Computer-Revolution, 1968–1973“, in: kommunikation@gesellschaft 8 (2007) Nr. 9. http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B9_2007_Friedewald.pdf []
  2. Geändert nach Kommentar von Clemens Radl. []
  3. Was Peter Haber in seinem Kommentar ausführlich tut. []