weblog.hist.net

Archiv zur Kategorie 'Wikipedia'

Hochschullehre 2.0

hochschullehre20.jpg

In einem halben Dutzend Lehrveranstaltungen an den Univeristäten Basel, Luzern und Zürich habe ich in den letzten Semestern mit Wiki-Systemen und Weblogs gearbeitet. In jeder Lehrveranstaltung variierte ich das Szenario, um Erfahrungen zu sammeln und die unterschiedlichen Nutzungspotentiale auszuloten.

Die (Zwischen-)Bilanz ist durchaus positiv: Die Möglichkeiten sind enorm, die Bereitschaft der Studierenden, auf diese neuen Tools einzusteigen (mit ganz wenigen Ausnahmen) auch. Die Ergebnisse sind alles in allem erfreulich, und zwar auch dann, wenn die Nutzung und der Einsatz nicht oder kaum reglementiert und besprochen werden.

Ich habe eine erste Beschreibung der verschiedenen Szenarien auf unserer Plattform hist.net zusammengestellt. Im Laufe des Sommers soll eine ausführlichere und auch didaktisch fundiertere Auswertung folgen. Anregungen und Hinweise zu ähnlichen Unterfangen werden gerne und dankend in den Kommentarzeilen entgegengenommen!

Für das kommende Herbstsemester sind übrigens in Basel ein Forschungsseminar zum Thema «Wikipedistik. Medienpraktische Forschungen im Web.2.0» geplant sowie ein reguläres und intensiv mit einem Weblog begleitetes Seminar mit dem Titel «Archiv, Speicher, Gedächtnis. Wissenschaftshistorische und medientheoretische Erkundungen».

The Archives Wiki

babelblog

The American Historical Association has created an Archives Wiki that allows historians to collect and share information about archives around the world in a wiki format.

The Archives Wiki project is built on the MediaWiki platform and aims to leverage the collective knowledge and experience of historians and other archive users to create an important resource for anyone planning archival research. Registered and validated users can create entries on any library that they choose, or can elaborate current entries.

This latter feature is one that researchers will find especially useful, because it permits researchers to create up to the minute updates on what is (or isn’t) happening in a particular archive. Almost every researcher has had the experience of going to an archive, only to find that the collection he or she wants is being reindexed, or that the archive has closed for the week (or the month!) for renovations. If this project takes off, as I suspect it will (especially among younger researchers), then those planning a visit to a particular archive can know what is happening at their destination in something like real time. This alone makes the project worth participating in.

Already the site includes information on more than 100 archives, mostly in the United States. Sample entries in this newly created project include the American Library of Congress and the German Historical Association in Washington, D.C. Neither of these entries is anywhere close to complete and users of the site are encouraged to dive right in and add to, edit, or change these entries, or to create an entry on their own favorite archive.

This project is in its earliest stages and so it is difficult to assess how well it will work. But I certainly hope that scholars beyond the shores of North America will join in and add to the growing store of information in this project.

Wikipedia: zitieren oder nicht zitieren?

wikipedia_zitieren

Klaus Graf hat heute auf Inetbib ein sehr gutes Argumentarium verschickt, das ich gerne hier aufnehmen möchte:

(i) Jede Quelle ist “zitierfaehig”. Wenn ich etwas als “Quelle” heranziehe, muss ich sie nennen.

(ii) Alles kann als “Quelle” dienen. In einem Referat “Die duemmsten Irrtuemer der Wikipedia” zitiert man selbstverstaendlich die Wikipedia als Quelle.

(iii) Bietet ein allgemeines Nachschlagewerk eine besonders gelungene oder griffige Definition, so ist es Usus, diese als woertliches Zitat anzufuehren. Bei der Wikipedia hat es sich nicht anders zu verhalten.

(iv) Es gibt hunderte wissenschaftlich zitierfaehige Artikel, die auf dem Niveau eines spezialisierten Nachschlagewerks (nicht: Allgemeinenzyklopädie) sind, das selbstverstaendlich im wissenschaftlichen Diskurs zitiert wird (Lexikon des Mittelalters, Enzyklopädie der Neuzeit usw.).

(v) Vor jedem Zitat hat eine kritische Inhaltspruefung zu erfolgen. Die Wikipedia ist als Online-Quelle genauso zitierfaehig oder nicht zitierfaehig wie die gedruckte “Zwischen Amper und Würm: Heimatbeilage für den Landkreis Starnberg und das Würmtal”.

(vi) In verschiedenen Disziplinen und Kontexten gibt es schon hinsichtlich traditioneller Publikationen unterschiedliche Ansichten darueber, was “zitierfaehig”ist.

Unproblematisch scheinen mir die Punkte (i) und (ii) zu sein – zumindest in der neueren Geschichtswissenschaft ist die Fixierung auf bestimmte Quellengattungen aufgeweicht zu sein. Und dass man zitiert, worauf man sich stützt, ist selbstverständlich.

Interessant wird es meiner Meinung nach bei den Punkten (iii), (iv) und (v) . Hier schreibt Graf zu recht, dass es eine “eine besonders gelungene oder griffige Definition” sein soll, wenn aus einem Nachschlagewerk zitiert werden soll. Grundsätzlich bin ich mit Graf in diesem Punkt vollkommen einverstanden. (weiterlesen …)

Mechanismen medialer Aufmerksamkeit

uniintern550.jpg

Nach diversen Medienberichten im April und dann im Herbst über den Kurs «Schreiben für Wikipedia» hat sich kürzlich auch die Redaktion von intern, der Mitarbeiter/innenzeitung der Uni Basel für die Veranstaltung interessiert – was mich sehr gefreut hat. Den kurzen Bericht gibt es hier, ein längere Version folgt demnächst.

Noch eine Online-Enzyklopädie

Die “Encyclopedia of Life” will in den nächsten 10 Jahren die bestehenden wissenschaftlichen Informationen zu den bekannten 1.8 Millionen Arten an Lebewesen auf der Erde kostenlos via Internet zugänglich machen. Dahinter steht eine Reihe beeindruckender wissenschaftlicher und internationaler Institutionen, die über diese Informationen verfügen und gewillt sind, diese auch frei zugänglich zu machen. Dafür steht nicht nur das Knowhow, sondern auch eine Menge Geld zur Verfügung, nämlich 100 Millionen Dollar (vgl. Meldung bei heise).

Das hat rein gar nichts mit Geschichte zu tun – leider. (weiterlesen …)

Tagwerke – Vom Tagebuch zum Weblog

Bevor wir hier vollends zu einem Wikipedia-Weblog degenerieren, erlaube ich mir, wieder ein wenig kulturwissenschaftlichen Wind in diese Spalten zu bringen. Das Museum für Kommunikation hat anfangs April 2007 ein ganz wunderhübsches Weblog ins Netz gestellt, das sich dem Thema Tagebuch widmet. Anlass ist eine für Frühjahr 2008 geplante Ausstellung mit dem Titel «Dir sag ich alles. Vom Tagebuch zum Weblog». Das Tagwerke-Weblog dient der Vorbereitung und Einstimmung ins Thema und ist gleichzeitig ein Arbeits-Journal der Ausstellungsmacher/innen. Wir freuen uns auf die Ausstellung in Frankfurt, auf spannende Diskussionen im Vorfeld und auf weiterhin so lesenswerte Beiträge im Tagwerke wie bisher.

Vielen Dank!

Zuerst einmal vielen Dank: Mit über 3000 Anfragen hatten wir gestern auf unserem Weblog einen neuen Rekord zu verzeichnen. Wir hoffen, dass das Interesse auch nach den Geschichtstagen anhalten wird und machen gerne darauf aufmerksam, dass jedermann und jederfrau herzlich eingeladen ist, am Weblog mitzuschreiben und die Beiträge zu kommentieren!

HOK Reden: Plagiate – Fluch der Verfügbarkeit?

Ich habe letzthin über die Deutung zunehmender Plagiate sinniert. Darauf sind auch interessante Kommentare verfasst worden. Das Thema hat mich in der Auseinandersetzung mit einer Kollegin auf einen Artikel von Arthur Sterngold gebracht, der auf den Zusammenhang mit den Unterrichtsmethoden verwies. Er plädiert für einen Wechsel von einem instruktionsbasierten zu einem lernbasierten Unterrichtsstil: Besser durchdachte und begleitete Aufträge an die Studierenden und mehr Interaktion mit ihnen.

Dies führte mich zu folgender Überlegung, ob nicht einfach nur Faulheit der Studierenden, sondern eben auch unterschiedliche Verständnisse überr den Nutzen der erteilten Aufträge Plagiarismus fördert. Wenn Dozierende (und ich zähle mich jetzt selbstkritisch auch dazu) Aufträge erteilen, heisst es oft: Tragen Sie Informationen zum Thema X zusammen, vergleichen Sie diese und präsentieren Sie ihre Schlussfolgerungen. Erwartet wird oftmals Fleissarbeit: Zusammentragen möglichst vieler Literatur und klare Darstellung des Inhalts. Meist schliesst keine Auseinandersetzung daran an, oft sind diese Arbeiten am Ende des Semesters, oder gar danach abzuliefern und versanden mit einem kurzen Dank in der Schublade des Dozenten.

Im prädigitalen Zeitalter mag noch gegolten haben, dass das Zusammentragen und zusammenschreiben ein intellektueller Akt sei (Bücher finden und lesen, Inhalte neu formulieren), der zu einem Lernerfolg führe. Wiewohl selbst diese Auffassung umstritten ist, so ist ihr Sinn heutzutage erst recht nicht ersichtlich. Warum sollten die Studierenden Informationen zusammentragen, zusammenfassen, zusammenschreiben, da dies von unzähligen Vorgänger/innen bereits einmal geleistet worden ist und die Informationen ja ohnehin jederzeit zugänglich und in Sekundenschnelle abrufbar sind. Fluch der Verfügbarkeit.

Da erscheint mir die Forderung einsichtig, dass die Aufgaben an die Studierenden besser durchdacht, begründet und begleitet werden sollten. Sterngold macht folgende Vorschläge:

  • Schriftliche Arbeiten in kleinere Aufträge aufteilen, und die Ergebnisse jeweils kontrollieren und besprechen, bevor die Studierenden weiterarbeiten
  • Themen der schriftliche Arbeiten mit dem Inhalt des Kurses in Verbindung bringen
  • (Zwischen-)Ergebnisse der individuellen schriftlichen Arbeiten in den Kurs integrieren

Im Vergleich mit der Praxis in den Geschichtswissenschaften klingt das vertraut, wenn man etwa an die Seminar-Referate denkt, die anschliessend zu schriftlichen Arbeiten ausgebaut werden. Doch wie konsequent wird das gehandhabt?

Literatur:

HOK Reden

Aus der Welt der Wikis: studentisches Wikipedia-Missverständnis

Heute überraschte mich eine Kollegin mit der erstaunten Frage: Könne es sein, dass ich unseren Lehramtsstudierenden gesagt habe, dass man in einer schriftlichen Arbeit aus Wikipedia zitieren dürfe?

Nun, offenbar habe ich die Differenzierungsfähigkeit der Studierenden etwas überschätzt. Denn: Nein, selbst Wikipedia-Gründer Jimmy Wales (wie hier im Blog bereits zitiert) sagt: aus Wikipedia soll man in schriftlichen Arbeiten auf Hochschulniveau nicht mehr zitieren. In der Regel. Natürlich sind Ausnahmen denkbar: wenn es etwa um den Vergleich von Definitionen geht, oder um die Darstellung spezieller Sachverhalte (etwa biografische Angaben zu Jimmy Wales), die nirgends sonst in zitierfähiger Form publiziert sind. Aber das heisst ja weder, dass “man aus Wikipedia zitieren darf” noch, dass man “Wikipedia nicht brauchen darf”.

Jimmy Wales bringt es ganz gut auf den Punkt (auch dies im Blog bereits einmal zitiert):

Es ist einfach lächerlich, Studenten zu sagen, sie dürften die Wikipedia nicht nutzen. Sie tun es ja doch. Professoren sollten wieder ihre Verantwortung wahrnehmen, den Studenten beizubringen, mit der Welt auf eine erwachsene Art und Weise umzugehen.(…) Wenn Sie einen Roman über den Zweiten Weltkrieg lesen und da ein Begriff auftaucht, den sie nicht kennen, greifen Sie zu einer Enzyklopädie und schauen es nach. Müssen Sie eine Seminararbeit zu dem Begriff schreiben, sind weder Britannica noch Wikipedia die richtige Quelle.
(TR-Interview vom 11.8.2006)

Also mache ich das hier einmal ganz ausdrücklich. Ob Brockhaus oder Wikipedia: Lexikon-Einträge gelten nicht als wissenschaftliche Literatur. Wenn in wissenschaftlichen Arbeiten, wie sie an Hochschulen von den Studierenden erwartet werden, solche Literatur zitiert werden soll – dann kein Wikipedia.

Natürlich kann Wikipedia als aktuelle Quelle (wie ein Zeitungsartikel) zitiert werden. Dann ersetzt sie nicht die wissenschaftliche Literatur, sondern wird für die Erläuterung eines bestimmten Sachverhaltes beigezogen.

Ein Grenzfall sind wissenschaftliche Handbücher: Es ist möglich, dass einzelne Wikipedia-Artikel die Qualität von Handbuch-Artikeln haben (vor allem, wenn sie von dort abgeschrieben wurden, aber das Thema Plagiat wollen wir hier nicht vertiefen) und dass in wissenschaftlichen Arbeiten unter Umständen auch aus Handbüchern zitiert werden kann (vor allem bei Begriffsbestimmungen). Daraus lässt sich aber keine allgemeine “man kann aus Wikipedia zitieren”-Regel ableiten.

Hingegen können gute Lexikon-Artikel (und solche finden sich auch in Wikipedia) durchaus als erste Orientierung und als Einstieg in eine Recherche zu einem wissenschaftlichen Sachverhalt geeignet sein.

Übersicht: Aus der Welt der Wikis

HOK Reden: Über die Zeit

Als Historiker setzen sich von Berufs wegen mit zeitlichen Phänomen auseinander. Gehört da auch das Sinnieren über die Zeit dazu? Mir sind in letzter Zeit einige Gedanken zur Zeit durch den Kopf gegangen, als ich mich mit Fragen der Historischen Online-Kompetenz beschäftigt habe.

Zeit ist eine knappe Ressource. Deshalb erscheint ja, grob vereinfacht, die Informationsflut so bedrohlich. Denn die Zahl von Websites hat sich in den letzten zweieinhalb Jahren verdoppelt, denn Informationen lassen sich fast unbegrenzt vermehren. Die Zeit hingegen, die für Auffinden, Aufnehmen und Auswerten der Informationen benötigt wird, lässt sich nicht vermehren. Zeit kann allenfalls “effizienter genutzt” werden. Dieser Widerspruch ist die Grundlage der Aufmerksamkeits-Ökonomie, denn was ist Aufmerksamkeit anderes als die zeitliche Beschränkung der Verarbeitungskapazität des Gehirns?

Zeit und Kompetenz
Das ist jetzt nur ein oberflächliches Zusammenfassen von Debatten, die seit langem geführt werden. Doch für mich stellt sich das Problem (nicht nur im Zusammenhang mit der Historischen Online-Kompetenz) ziemlich konkret: wann nehme ich mir die Zeit, die verschiedenen Blogs und Website zu lesen, und diese Informationen noch für meinen Weblog zu verarbeiten?

Da wirkt es paradox, von den Nutzer/innen zu verlangen, dass sie sich selbst kompetent machen sollen für den fachgerechten Umgang mit den Informationen aus dem Internet – aber genau darauf laufen alle Empfehlungen für die Internet-Nutzung hinaus. Die fachliche Überprüfung der Informationen erfolgt durch die Nutzer/innen selbst. Das entspricht der Erfassung von Zahlungsaufträgen durch die Kunden beim Online-Banking. Dafür braucht es aber Zeit: Einerseits, um die notwendigen Kompetenzen zu erwerben, zu schulen und a jour zu halten, und andererseits, um die Überprüfung vorzunehmen.

Schön, den Nutzer/innen zu erklären, wie sie die Qualität einer Internet-Information überprüfen können – in der Alltagswirklichkeit muss es schnell gehen, und da wird das erstbeste, einigermassen plausible Ergebnis verwendet, zum Teil wider besseres Wissen.

Zeit und Projekt
Wieviele Websites kann denn ein Mensch auf Dauer inhaltlich vernünftig betreuen? Und damit meine ich nicht das Handhabung eines Workflows, wenn in Daten in einem Content-Management-System organisiert werden müssen. Nein, ich meine inhaltliche Aufbereitung von Inhalten, das Verfassen von Texten, das Setzen von Links wie hier in diesem Blog. Wieviele? Eine, zwei, vielleicht drei? Und wieviele Websites kann eine Institution betreiben? Eine pro Mitarbeiter, oder weniger?

Ich frage mich, wer denn die hundert Millionen Websites betreut, Tag für Tag. Oder werden die gar nicht alle betreut? Sind da vielleicht viele Datenfriedhöfe oder Web-Bücher dabei?

Mit Web-Büchern meine ich solche Websites, die wie Bücher geplant und produziert wurden. Zwei Jahre lang werden Inhalte zusammengetragen und aufbereitet. Dann gehen die Projektgelder zu Ende, die Website wird nicht mehr betreut, die Inhalte jedoch bleiben weiterhin zugänglich. Denn gerade in den Wissenschaften ist die Generierung von Inhalten noch immer projektartig angelegt, in einer Art, die für die Herstellung des Informationsträgers Buch geeignet ist – aber nicht unbedingt für Websites.

Zeit und Community
Nun werden in letzter Zeit viele Hoffnungen in die Social Software, in die Community gesetzt. Die “Wikipedia-Formel” sozusagen: man öffnet ein Wiki, und die Inhalte generieren sich gleichsam von selbst, da die “Community” sich rund um die Uhr für deren Erstellung und Erweiterung zuständig hält.

Aber auch hier ist die Frage zu stellen: an wie vielen Wikis kann ein Mensch sich inhaltlich vertieft beteiligen? An einem, zwei, drei? Vielleicht ist ja Wikipedia überhaupt ein Einzelfall, bzw. ein Ausnahmefall einer dauerhaften Beteiligung einer genügend grossen Menge von Menschen an einem gemeinsamen Projekt? Vielleicht kann es nur ein Wikipedia geben?

Oder ist es nur eine Frage der Übung? Brauchen wir noch ein entsprechendes jahrelanges Training, bis wir in mehreren Foren, Wikis und Blogs pointiert unsere Stellungnahmen plazieren können, ohne die eigene Tätigkeit total zu vernachlässigen?

Übersicht HOK Reden

 

Wechsle zu unserer Mobil-Seite