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Archiv zur Kategorie 'Berichte und Rezensionen'

Historyblogosphere: Das Buch ist da.

Historyblogosphere

Eines der letzten Projekte von Peter Haber war „historyblogosphere„, ein Buch, in dem sich verschiedene Vertreter/innen der Digital Humanities und der Digital History mit dem Phänomen der Weblogs und seiner Implikationen für die Geschichtswissenschaft und die Historiographie befassten. Dieses Buch ist nun unter OA im Oldenbourg-Verlag erschienen und wird in Kürze auch als Printprodukt erhältlich sein. Herzlichen Dank und grosse Anerkennung für die gewaltige Leistung an Eva Pfanzelter und Julia Schreiner, die das Projekt nach Peters Tod noch zu einem guten und schönen Abschluss gebracht haben. Peter wäre bestimmt mehr als zufrieden mit dem Ergebnis.

Lokale Themen global diskutieren – Panel an den #SGT13

07.02.13_12_36-BildschirmkopieDas Panel „Lokale Themen global diskutieren. Vom Wandel der historischen Fachkommunikation“ an den 3. Schweizerischen Geschichtstagen 2013 in Fribourg hat aufgrund Erkrankung der Kollegen Haber und Mills sowie der Nichtabkömmlichkeit von Kollegin Bönisch einen ungeplanten, aber doch sehr passenden technischen Zuschnitt erhalten. Während Peter Haber leider nur als spiritus rector im Hintergrund gleichsam in der Wahl der Beiträger/innen präsent sein konnte, wandten sich Mills Kelly per Videobotschaft und Wenke Bönisch per Skype unter fachkundiger und umsichtiger Moderation von Elias Kreyenbühl an die Anwesenden (und auch an die Nicht-Anwesenden, die von den Anwesenden via Twitter live über das Geschehen informiert worden sind).

Wer’s verpasst hat (oder noch einmal in Ruhe sich in die Präsentationen vertiefen möchte): hier haben wir einige Dokumente zusammengestellt (in chronologischer Reihenfolge, wird laufend aufdatiert). Eine inhaltliche Auseinandersetzung folgt in separatem Beitrag.

Herr BR Maurers Geschichtsverständnis – oder: Danke, Wikipedia.

Bundesbrief 1291

SVP-Mann und Neo-Bundespräsident (CH-Version) Maurer bezieht sich in der Neujahrsansprache auf (wen wundert’s?) den Bundesbrief von 1291. Doch die von Maurer zitierte Kernaussage “Einer für alle, alle für einen” stammt – nein, nicht aus dem Bundesbrief und, nein, auch nicht aus Dumas’ “Drei Musketiere” (dort geht der Spruch nämlich anders rum), sondern aus einer Spendenaktion des modernen Bundesstaates im Jahre 1868. Woher ich das weiss? Aus einem Eintrag der englischen Wikipedia.

Herr Bundespräsident Ueli Maurer, Vorsteher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, zuletzt vor allem wegen der geplanten Anschaffung von Kampfflugzeugen schwedischer Provenienz in den Medien präsent, hat zum Antritt seines Präsidialjahrs (den das Amt des Bundespräsidenten wird in der Schweiz, dies zur Kenntnis unserer Leser/innen, die nicht mit Schweizer Gepflogenheiten vertraut sind, jährlich aus der Mitte der siebenköpfigen Regierung besetzt und zwar schon im Turnus – wir ent-wullfen uns also regelmässig und automatisch, und das ist auch gut so) als erste Amtshandlung eine kurze prägnante Rede gehalten. Darin erzählt er, wie er kürzlich das Bundesbrief-Museum in Schwyz (http://www.bundesbrief.ch) besucht habe und tief beeindruckt gewesen sei vom Bundesbrief von 1291 (das Museum wurde übrigens 1936 eröffnet): “Eine ehrwürdige Originalurkunde aus Pergament, 721 Jahre alt.”

Dass die nationalkonservative SVP diesen Bundesbrief als Beleg für den (wissenschaftlich längst widerlegten) Gründungsmythos einer seit dem Mittelalter existierenden demokratischen Schweiz gerne zitiert – geschenkt. Ist ja auch ein schönes Dokument, und die Aufmerksamkeit hilft vielleicht auch, den Lateinunterricht wieder etwas populärer zu machen, denn der Brief ist in Lateinisch abgefasst (was wohl eher auf eine elitäre als auf eine demokratische Entstehung und Verwendung hindeutet).

Doch Maurers Eloge geht noch weiter:

“Die Kernaussage des Bundesbriefes ist zeitlos und hat unsere Gesellschaft geprägt. Zusammengefasst sagt er uns: Einer für alle, alle für Einen.”

Das klingt kraftvoll und pathetisch und ist wohl für viele Schweizer/innen durchaus zustimmungsfähig. Da blickt man auch gerne darüber hinweg, dass diese Formulierung im Dokument nirgends vorkommt. “Zusammengefasst” heisst ja eigentlich nichts anderes als “sinngemäss”, oder? Auch wenn der Beistandspakt, den der Bundesbrief darstellt, sich wohl nur in einem sehr weiten Sinne als Solidar-Akt für einzelne Individuen, die Hilfe benötigen, verstehen lässt.

Aber, Moment, wir sind noch nicht ganz fertig. Maurer fährt (gleich anschliessend) fort:

“Worte, die wir auch in der Kuppel des Bundeshauses finden. Oder ganz einfach ausgedrückt: Miteinander und füreinander. Das ist so etwas wie eine Erbschaft, ein Vermächtnis.”

Nun, in der Tat: In der Kuppel des Bundeshauses findet sich die (wiederum lateinische) Inschrift “unus pro omnibus, omnes pro uno”. Woher kommt das? Aus dem Bundesbrief (wie der kurze Check im Originaltext zeigt) stammt er – trotz gegenteiliger, suggestiven Darstellung von Maurer – nicht. Woher dann? War der Architekt des Bundeshauses ein Fan von Dumas und seinem Roman “Die drei Musketiere“? (Darin muss man allerdings nach “Tous pour un, un pour tous” suchen – also nach der umgekehrten Formel).

Die Antwort lautet nein, und sie wird gegeben von einem Eintrag in der englischen Wikipedia, die auf zwei Artikeln von Berner Historikern basiert (die leider online nicht mehr frei zugänglich sind). Denn 1868, so lesen wir dort, hat der damals noch junge Schweizer Bundesstaat eine Hilfsaktion zugunsten von Opfern weitreichender Unwetter und Überschwemmungen in den Alpen mit dem Motto “Einer für alle, alle für einen” versehen und mit diesem Motto die Bevölkerung dazu aufgerufen, für die geschädigten Gebiete Geld zu spenden – also eine Art “Jeder Rappen zählt” des 19. Jahrhunderts.

Maurer beruft sich, wenn wir das Ganze ein bisschen näher betrachten, also nicht auf die Werte mittelalterlicher Agrargesellschaften in Schweizer Bergtälern, die Beistand versprachen – sondern auf den konkreten Solidaritätsgedanken einer modernen, in der Industrialisierung stehenden Schweizer Gesellschaft, die diesen Bergtälern tatsächlich Beistand leistete. So rum wäre das eine runde Sache geworden – aber halt leider nicht so ganz im Sinne der SVP. Aber zu dieser historischen “Zurechtbiege”-Aktion passt ja auch folgende Passage aus Maurers Rede:

“Die Gemeinschaft Schweiz funktioniert nur dann, wenn wir uns alle immer wieder fragen, was wir für unser Land tun können. Jeder nach seinen Möglichkeiten und Kräften. Die Gemeinschaft Schweiz kann auf Dauer nicht funktionieren, wenn wir uns nur noch fragen, was der Staat für uns tun soll.”

Denn, naja, Kennedy hat ja keine Copyright-Anspruch auf diese Aussage, oder? Deshalb passt das auch in eine Rede eines Schweizer Bundespräsidenten, der der SVP angehört. Und darum muss man das auch nicht irgendwie zitieren oder sagen, woher das kommt (im Gegensatz zum Spruch in der Bundeshauskuppel, der – “zusammengefasst” – aus dem Bundesbrief von 1291 stammt).

Was mich etwas stutzig macht: Um herauszufinden, dass der Spruch “Einer für alle, alle für einen” aus dem Jahr 1868 stammt, habe ich – hmm – sagen wir zwei Minuten gebraucht – dem “unwissenschaftlichen” Laienprodukt Wikipedia und dem Suchmoloch Google sei dank (nun also eigentlichDuckDuckGo sei Dank, doch dazu später mehr)! Warum also hat das keiner der vielen Journalisten geschafft, die gestern auf der Basis der Agenturmeldung die Neujahrsansprache in die Welt hinaus multipliziert haben (wie etwa die NZZ)? Denn das mit dem Kennedy-Zitat hat der SDA-Journalist ja auch herausgekriegt…

 

Geschichte twittern?

Vor einigen Tagen habe ich mich kritisch über das Projekt eines englischen Junghistorikers geäussert, der den zweiten Weltkrieg mit Twitter-Nachrichten in „Realtime“ nacherzählen will. In den verschiedenen Reaktionen kam auch die Bitte, Kriterien zu benennen, mit denen ein Einsatz von Twitter zur Darstellung historischer Sachverhalte beurteilt werden könnte. Nachdem Kollege Bernsen schon erste Überlegungen formuliert hat, folgt hier eine erste Annäherung meinerseits. (mehr …)

„Der Zweite Weltkrieg auf Twitter“ – muss das sein?


Ich setze mich nicht gerne dem Vorwurf aus, gegenüber experimentellen Nutzungen digitaler Medien nicht genügend aufgeschlossen zu sein. Aber das von Anna Gielas in der NZZ (dito von Telegraph, BBC und http://www.huffingtonpost.com/2011/11/14/real-time-world-war-ii-twitter_n_1093345.html) gelobte Projekt @RealTimeWWII eines 24-jährigen Oxford-Studenten namens Alwyn Collinson lässt mich nicht nur den Kopf schütteln, sondern – den Musen der Digital Humanities sei’s geklagt – regelrecht erschaudern. (mehr …)

THATcamp – vorbei und vergessen?

THATcamp: Entscheidungsfindung an der Wandtafel

THATcamp: Entscheidungsfindung an der Wandtafel (Foto: ©Serge Noiret, siehe Fussnoten)


Vor etwas mehr als einer Woche ging das erste THATcamp in der Schweiz zu Ende. Die Stimmung am Ende der zweitägigen Veranstaltung war aufgeräumt und locker. Doch was bleibt von dieser Tagung haften – nebst der (hier und hier) bereits ausführlich analysierten Benennung der Geschlechterproblematik in den Digital Humanities? Hat sich das Format der „unconference“ bewährt? Sind neue Themen und Probleme benannt und angesprochen worden, oder gab es neue Erkenntnisse zu altvertrauten Fragestellungen? Oder war das THATcamp vor allem eine gute Gelegenheit, um alte Bekanntschaften zu pflegen und neue zu knüpfen? Wie immer die von individuellen Erwartungen und Erlebnissen geprägte Antwort ausfällt: die Stärke des THATcamp liegt im inhärenten Versprechen, dass eine Wiederholung zur Verstetigung des Austausches innerhalb der Gemeinschaft führen kann.

Das Format des THATcamp zeigte meines Erachtens Stärken und Schwächen einer solchen „unconference“. (mehr …)

Thatcamp Switzerland 2011


Wer sich auf dem Laufenden halten möchte darüber, was im THATcamp 2011 in Lausanne vor sich geht, wird bei Mills Kelly bestens bedient – unser Kollege schreibt nicht nur regelmässig darüber, was hier passiert: Seine Session wurde gerade von zwei streitbaren Damen «besetzt». Eva Pfanzelter und Mareike König widmen die Session um zu einer Diskussion über die Rolle von Frauen in Social Media. Zwei (von 25) Teilnehmenden verlassen den Saal, hier die Zusammenfassung der lebhaften Diskussion aus Sicht des «ausgebooteten» Mills Kelly. To be continued… hier oder anderswo.
Wer die Twitter Wall konsultieren möchte, der findet Informationen unter dem Hash-Tag #tcch.

«Geschichtsblog» – Geschichtsblog des Monats Juni 2011

Der Geschichtsblog des Junghistorikers Stefan Sasse verbindet auf interessante und bemerkenswerte Weise die moderne mediale Form des Weblogs mit der traditionellen, fast schon verblichenen Form der Geschichtserzählung. Sasse selbst bezeichnet seine Stücke als „journalistische und schriftstellerische“ und nicht wissenschaftliche Texte, die eine „essayistische Form“ haben. Doch die Beiträge gleichen eher Texten, wie sie aus historischen Sach- oder Schulbüchern bekannt sind: Sie schildern und erläutern historische Abläufe und verzichten dabei auf einen kritischen Apparat, wenn man von summarischen Literaturhinweisen am Textende absieht.
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Geschichts-Ausstellung-Hörspiel-Theater 2.0

Eine Theater-Truppe, die sich Rimini Protokoll nennt, hat in Zusammenarbeit mit dem Hebbel-Theater und im Auftrag der Redaktion Deutschlandradio Kultur (im Rahmen des Projekts Radioortung) in Berlin eine Produktion mit dem Titel „50 Aktenkilometer – ein begehbares Stasi-Hörspiel“ entwickelt. (mehr …)

Digitale Medien in der Geschichtswissenschaft – Geschichtsblog des Monats Mai 2011

Wer erinnert sich noch daran, wie wir im Oktober 2007 (!) erstmals ein Geschichtsblog des Monats auszeichneten, das integraler Bestandteil einer geschichtswissenschaftlichen Universitäts-Lehrveranstaltung war? Das Blog hiess „m4“ wie das Kürzel der dazugehörigen Lehrveranstaltung, die am Institut für Geschichte der Universität Wien durchgeführt wurde, und war seinerseits bereits eine Wiederholung. Denn erstmals wurde im Herbst 2006 an der Universität Wien im Fach Geschichte mit Blogs in einer Lehrveranstaltung systematisch gearbeitet.

Fast fünf Jahre später blicken wir wieder nach Wien, wo Kollege Tantner – bestens bekannt als Blogger der ersten Stunde – in diesem Semester die (jährlich durchgeführte) Lehrveranstaltung „Digitale Medien in der Geschichtswissenschaft“ betreut und mit einem eigenen Weblog gleichen Namens begleitet. Er hat (wie bei dieser Lehrveranstaltung üblich) die Studierenden aufgefordert, ein eigenes Weblog zu führen und darin die gestellten Aufgaben, bzw. deren Erledigung, zu dokumentieren. Hat sich da seit 2006 etwas geändert? Hat die Medienkompetenz zugenommen? Sind die Studienanfänger von heute souveräner und gewandter im Umgang mit Web 2.0? (mehr …)