weblog.hist.net

Google kauft hist.net

Wie Google und hist.net heute bekannt geben, hat Google die Mehrheit am Schweizer Portal für Geschichte und Digitale Medien „hist.net“ übernommen. Für Google ist dies ein weiterer Schritt in die Domäne wissenschaftsorientierter Dienstleistungen im Zusammenhang mit Google Scholar. „Wir sind sehr glücklich, dass wir mit hist.net einen starken Partner im Bereich der Geschichtswissenschaften gewinnen konnten“, lässt sich Geschäftsführer Eric Schmidt in einer heute veröffentlichten Medienmitteilung zitieren. „Wir halten Google Scholar für ein grossartiges Produkt, das aber noch durch genuinen Input von Fachexperten verbessert werden kann. Die Erfahrungen der Schweizer Kollegen von hist.net sind dabei immens wertvoll.“ Man habe mit den Geschichtswissenschaften in einem überschaubaren Bereich erste Erfahrungen sammeln wollen, erklärte Schmidt den ungewöhnlichen Entscheid, in einem geisteswissenschaftlichen Fachbereich zu investieren. Über die genaue Art der Kooperation und über mögliche neue Dienste liessen weder Google noch hist.net etwas verlauten und stellten weitere Informationen in naher Zukunft in Aussicht.

April, April – natürlich nur ein Scherz! Irgendwie hat die Häufung von scherzhaft gemeinten, aber ernsthaft geschriebenen Meldungen mit möglichst originellem Inhalt am 1. April etwas Abgestandenes. Und ich hätte dieses Datum auch lustvoll ignoriert, wenn nicht heute morgen am öffentlich-rechtlichen Radio (ok, „nur“ die Leicht-Unterhaltungs-Variante drs3 – aber quand-même) die Journalisten sich bemüssigt gefühlt hätten, explizit darauf hinzuweisen, dass die Meldung vom Rücktritt des UBS-Verwaltungsrats Präsidenten kein April-Scherz sei. Dafür machte die Redaktion den April-Scherz selber zum Thema. Auch nicht sehr originell, aber informativ.

So verschiebt sich die Wahrnehmung von Neuigkeiten am 1. April enorm: Jede etwas aussergewöhnliche und auffällige, also eigentlich bemerkenswerte Nachricht steht plötzlich unter Scherzverdacht. Wobei sich die Seite mit den vermischten Meldungen sich jeden Tag so liest, als handle es sich bei jeder einzelnen davon um eine 1.April-Scherz-Meldung.

Nun, es wäre ja eigentlich zu begrüssen, wenn den verschiedenen Informationen, die einem begegnen, mit einer gesunden Skepsis und einigen grundsätzlichen Analysemethoden begegnet würde (Historiker/innen nennen das von Berufs wegen Quellenkritik). Doch ich fürchte, dass der permanente Versuch, mit erfundenen Meldungen Aufmerksamkeit zu erregen (auch an anderen Tagen als dem 1. April; Viral Marketing), ja nur deshalb so erfolgreich ist, weil wir alle so gutgläubig sind. (Diesem Umstand verdanken wir ja unzählige schöne „Urban Legends“ oder – etwas anspruchsvoller – „Mythen des Alltags„). Auf jeden Fall ist die Aussicht, mit spektakulären Schlagzeilen im Internet Aufsehen (und damit Traffic) zu generieren – auch wenn Sie sogleich als Scherz oder Irrtum abgetan werden – im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie sehr verlockend.

Aber es gibt auch schöne, zeitlose 1. April-Scherze, die damit auch zu einem interessanten historischen Quellenbestand werden. Ein Juwel ist der BBC-Beitrag aus dem Jahr 1957 zur Spaghetti-Ernte im Tessin (einer von vielen 1.Aprilscherzen der BBC), in dem die Bewunderung gegenüber der Leistung der Spaghetti-Züchter zum Ausdruck kommt.

Many people are very puzzled by the fact that spaghetti is produced in such uniform lengths. This is the result of many years of patient endeavour by plant breeders who suceeded in producing the perfect spaghetti.

Hinter der Zuchtleistung einer perfekten Spaghetti (und eines authentischen Beitrags darüber) steht meine Leistung der „Google kauft hist.net“-Meldung weit zurück. Soviel Bescheidenheit muss sein.

5 Kommentare auf “Google kauft hist.net”

  1. Jan Hodel meint:

    Dank unseres regelmässigen Lesers Klaus Graf wissen wir nun auch, dass wir uns in die lange Reihe von „Google April Fool’s Jokes“ (bei Google Blogosped) einreihen können. Ergo: Auch in Sachen Originalität kann es die „Google kauft hist.net“-Meldung nicht mit den Spaghetti-Bäumen der BBC aufnehmen. Die Bescheidenheit nimmt entsprechend zu.

  2. Peter Haber meint:

    Ojwawoj, Kollega Hodel, ich hatte gehofft, dass wir bei hist.net von dieser Art von Scherzen verschont bleiben …

  3. ladislaus meint:

    Vielleicht toben sich hier ja weniger Originalität und Humor aus als dass tiefe Sehnsüchte endlich einmal ausgesprochen werden… Wer träumt nicht von der Mega-Idee, die für die Geschichtsbücher oder den Weltbestseller (à la Eco) oder wenigstens ein paar Milliönchen auf dem Konto gut ist… Bis dann die Blog-Spekulationsblase platzt und der Haber/Hodel-Rücktritt in DRS 3 verkündet wird… Horrorvisionen, und das am 1. April…

  4. Amys Welt » Blog Archive » News vom Tage meint:

    […] ja mittlerweile legendär. Eine Sammlung von Googles Aprilscherzen ? meine Favorit ist „Google kauft hist.net„. [via […]

  5. Mark Stoneman meint:

    Apropos Gutglaeubigkeit, dieser Show von „Radio Lab“ ueber „The War of the Worlds“ ist auesserst Interessant:
    http://www.wnyc.org/shows/radiolab/episodes/2008/03/07

Hinterlassen Sie einen Kommentar: