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Das Buch der Woche: Geschichte im Gedächtnis

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Unser heutiges «Buch der Woche» ist das neueste Buch von Aleida Assmann, die, obwohl Anglistin und Literaturwissenschaftlerin, eine der wichtigsten Stichwortgeber/innen der modernen Historiographie geworden ist. In ihrem neuesten Buch, entstanden aus einer Vorlesungsreihe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, beschäftigt sich Assmann erneut mit dem zentralen Thema ihres Schaffens: dem Gedächtnis. Dabei legt sie diesmal den Fokus auf die Rolle und Funktion von Generationen und exemplifiziert das Thema an einigen exemplarischen Generationen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Besonders gefallen hat mir der zweite Teil des Buches, in dem Aleida Assmann drei Grundformen historischer Präsentationen unterscheidet: Erzählen, Ausstellen und Inszenieren.

Diesen drei Präsentationsformen liegen, so Assmann, drei verschiedene Ordnungsstrukturen für Zeichen zugrunde.
Eine Erzählung ist nach Assmann eine Anordnung von Ereignissen in zeitlicher Reihenfolge, die kausal miteinander verknüpft sind: «Es ist nie allein die zeitliche Abfolge, sondern erst deren Überschreibung mit einer narrativen Semantik, die den erzählten Ereignissen Bedeutung, Gewicht und Richtung gibt.» Assmann unterscheidet eine ganze Reihe von Erzählungs-Typen mit je anderen narrativen Mustern, so etwa Ursprungserzählungen, Passionsgeschichten, Befreiungsgeschichten, Bildungsromane und einige andere mehr. Die Erzählung sei die einfachste und zugleich packendste Form, um Informationen übersichtlich zu gliedern und aufzubereiten, sowohl im Bereich von fiktionalen Geschichten als auch im Bereich des wissenschaftlichen Erklärens.

Vom Erzählen unterscheidet Assmann das Ausstellen, das sie als «Anordnung von historischen Texten, Bildern und Gegenständen im Raum» beschreibt. Das heisst, die zeitliche Reihung wird ergänzt durch die räumliche Anordnung. Auch Ausstellungen bauen auf einem narrativen Grundmuster auf, ergänzen die sprachlich-textuelle Ebene des Erzählens aber mit Bildern, Gegenständen, Tönen und vor allem mit einer räumlichen Anordnung.

Als dritte Form der Darstellung nennt Assmann die Inszenierung. Sie weist darauf hin, dass dieser Begriff im Kontext der Geschichte und der Geschichtswissenschaft oftmals pejorativ konnotiert und mit einer «Disneyfizierung» assoziiert wird. Assmann will den Begriff breit und nicht wertend verstanden haben und teilt nochmals auf in mediale Inszenierungen und räumliche Inszenierungen. Mediale Inszenierungen bauen auf bewegte Bilder auf und umfassen gefilmte und verfilmte Geschichte. Räumliche Inszenierungen sind im Unterschied zu musealen Ausstellungen an eine Bühne gebunden, der zugleich Schauplatz ist. Gemeint sind sogenannte «heritage centers», aber natürlich auch Gedenkstätten. Es geht um «imaginatives Nacherleben und performatives Nachstellen» von Geschichte.

Mit ihren Ausführungen hat Aleida Assmann einige mehr oder weniger schwelende Debatten der Geschichte und der Geschichtsvermittlung, die in den letzten Jahren aktuell waren, sehr schön auf den Punkt gebracht: Insbesondere die Frage nach der Narrativität der Historiographie und damit nach der Narrativität von Geschichte schlechthin erfreute sich in den letzten Jahren einer nicht zu übersehenden Beliebtheit.

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