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Storytelling und Alpenglühn

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Nach den anregenden Tagen in Berlin nun noch ein Abstecher in die Alpen, nach Innsbruck. Unter dem Titel «Erzählen – medientheoretische Reflexionen im Zeitalter der Digitalisierung» trafen sich gestern und heute rund 60 Medienwissenschafter, Medienpädagogen und natürlich auch ein paar Historiker aus ganz Europa an der von Innsbruck Media Studies organisierten Tagung.

Aus dem Programmheft:

«An Erzählungen über Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Erzählens besteht kein Mangel. Es dürfte auch unbestritten sein, dass das Erzählen zu den ältesten Praxen der Menschheit gehört und auch heute im sozialen Leben allgegenwärtig ist. Entsprechend sind die Einzelresultate der vielen Wissenschaftszweige, die zur Erforschung von Erzählkulturen im Kontext von Alltag, Wissenschaft, Kunst, Politik und Wirtschaft beitragen, kaum überblickbar. Diese traditionelle Rolle des Erzählens bekam in den letzten Jahrzehnten in der Psychologie, Pädagogik, Kogni­tionswissenschaft, Medientheorie, Literaturwissenschaft und Philosophie eine neue und un­ge­ahnte Aktualität. Die Besinnung auf die narrativen Strukturen kognitiver Prozesse wurde sogar als zweite kognitive Revolution (Rom Harre) bezeichnet.
Vergleichsweise wenig Beachtung hat bislang allerdings die Bedeutung historischer Konstel­la­tionen interagierender Medien (Reinhard Margreiter) für die Thematik gefunden. Die Themen und Probleme, die mit der Verbreitung digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien virulent geworden sind, bringen neue Fragen nach der Medialisierung von Erzählformen und Erzählkulturen mit sich. So wird in den Medienwissenschaften das Zusammentreffen von Narration und deren Digitalisierung im Internet – beispielsweise in Blogs – als Synergieeffekt und Verschmelzung zweier „Kulturen“ begriffen, einer Kultur der Mündlichkeit, wie wir sie von vormals schriftlosen Kulturen kennen, und einer Kultur der Literalität.

Anregend – wenn auch ein wenig zu komprimiert für einen mündlichen Vortrag – war der Eröffnungsvortrag von Siegfried J. Schmidt mit dem Titel «Was wir so vom Erzählen erzählen». Ausgehend von der Definition von Erzählen als einer elementaren Operation bewusst vollzogener Sinngebung durch Ordnungsbildung im kognitiven wie im kommunikativen Bereich unterschied Schmidt Erzählen von Beschreiben, Analysieren, Befehlen oder Formalisieren. Erzählen ist nicht nur die prominenteste Form der Wirklichkeitskonstruktion, sondern auch diejenige Form, die uns am besten vertraut ist. Erzählungen indes repräsentieren nicht Ereignisse, sondern etwas wird zum Ereignis durch die «Formatierung in den Bauformen des Erzählens». Die Synthetisierung von von Handlungen zu Geschichten und von Kommunikationen zu Diskursen erfolgt dabei narrativ, sowohl in Selbdt- als auch in Fremderzählungen.

Schmidt wies auch auf den Zusammenhang von Erzählen und Erinnern hin und betonte, dass sich sowohl Erzählen wie auch Erinnern auf der Basis kulturell geprägter narrativer Schemata vollziehen und dass sie jeweils bestimmte Anlässe brauchen und dabei selektiv und kontingent sind. Erinnerungs- und Erzählpolitik definiert Schmidt als aktantengebundene Prozesse in der Gegenwart, die Können, Sollen und Wollen voraussetzen.

Ein Panel widmete sich gestern den Fragen der Geschichtsschreibung im Kontext des digitalen Storytelling. Wir kommen auf dieses Panel noch zurück.

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