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Qualitätsstandards in den Geisteswissenschaften?

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Was für eine Versuchung: Ein paar Hundert Meter von der Staatsbibliothek entfernt, im neu renovierten Gebäude der Humboldt Universität am Hegelplatz, begann heute morgen ein hochkarätig besetztes Symposium zum Thema «Geisteswissenschaften und Qualitätsstandards». Ich dachte mir, Moritz Steinschneider wird es mir sicherlich nachsehen, wenn ich mir ein Ohr voll von dieser realitätsgekoppelter Wissenschaftspolitik gönnen würde und schlich mich für das 3. Panel aus der Staatsbibliothek.

Das Panel trug den monströsen Titel «Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften – Zum Erkenntnisgewinn in den Geisteswissenschaften und der Akkumulationsfähigkeit von Wissen». Dominik Perler umriss in seinem brillant vorgetragenen Inputreferat mit einer Handvoll Thesen das schräge Verhältnis der beiden Wissenschaftstraditionen. So wies er darauf hin, dass die Geisteswissenschaften alles andere als eine Einheit darstellen und dass vor allem die Gegenüberstellung von Geistes- und Naturwissenschaften eine Geschichte hat. Viele geisteswissenschaftliche Disziplinen arbeiten mit exegetisch-hermeneutischen Methoden, das heisst, sie bedingen völlig andere Publikationsformen, als sie etwa von vielen Naturwissenschaften benötigt werden. Diese Formen – etwa aufwändige Editionen – erfahren in den heutigen Qualitätsdiskussionen indes so gut wie gar keine Wertschätzung.

Der Biologe Hubert Markl, der in den letzten Jahrzehnten zahlreiche zentrale wissenschaftspolitische Ämter bekleidet hatte, versuchte, den von Perler evozierten Antagonismus der beiden Bereiche aufzuweichen und die Naturwissenschaften gleichsam zu «vergeisteswissenschaften». Er verglich die aktuellen bibliometrischen und szientometrischen Debatten (die ja vor allem auch von vielen Informationswissenschaftern kräftig beheizt wird) als eine Debatte, die mit den Einschaltquoten-Debatten des Fernsehens vergleichbar ist. Immer mehr gehe es – in den Naturwissenschaften nicht anders als in den Geisteswissenschaften – um Neuigkeiten und immer weniger um Wissen.

Trotz der umsichtigen Moderation durch Lorraine Daston gab es keine Quintessenz, die man hätte aus den Diskussionen ziehen können, aber es gab – zumindest für den Steinschneider-Schwänzer – etliche geistreiche Impulse zum Weiterdenken.

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