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Was sind Leitmedien? (1)

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Zwei Tage lang beschäftigen sich in Siegen im Rahmen der Jahrestagung des Forschungskollegs «Medienumbrüche» (SFB/FK615) rund 100 Medien- und Kommunikationswissenschafter, Soziologen sowie – eher am Rande – Historiker mit Leitmedien. Was sind Leitmedien? Wie definiert man sie? Und welchen Sinn macht das Konzept von Leitmedien im neuen, digitalen Umfeld von Web 2.0?

Die in Siegen heute vorgestellten Konzepte könnten nicht unterschiedlicher sein: Während Otfried Jarren von der Universität Zürich ein (eher klassisches) Leitmedien-Konzept vorgestellt hat, konzentrierte sich Michael Giesecke von der Universität Erfurt (Bild) auf die Kehrseite des Leitmedien-Diskurses: Leitmedien bestimmen heisst immer auch, andere Medienauszuschliessen und mithin zu «unterdrücken», so Giesecke.

Ein operationalisierungsaffines Modell stellte im Eröffnungsvortrag Jürgen Wilke von der Universität Main vor. Er nannte eine Reihe von Kriterien, mit denen Leitmedien sich empirisch erfassen lassen: allgemeine Reichweite, Reichweite bei Entscheidungsträgern, Bindung, Expertenurteile, publizistische Leitfunktion oder Zitierhäufigkeit.

Affaire à suivre …

2 Kommentare auf “Was sind Leitmedien? (1)”

  1. Giesecke meint:

    Medienabsolutismus oder Medienökologie?
    Was die Kultur- und Geisteswissenschaftler zur Diskussion beitragen können

    Michael Giesecke
    Vortrag auf der Jahrestagung 2007 des SFB/FK 615 ‚Medienumbrüche 1900/2000
    „Alte und neue Leitmedien“
    Siegen 15. – 16. 11. 2007

    1. Zur theoretischen Einordnung der Vorsilbe ‚Leit-‚
    Die Feststellung von Leitgrößen, ganz gleich ob in deskriptiver oder normativer Absicht, ist ein Spezialfall von Bewertung, Klasse der Prämierung (im Gegensatz zu Abwertung) , Gattung Hierarchisierung. Es werden unter Zugrundelegen von mehr oder – meist – weniger expliziten Maßstäben Rangordnungen zwischen verschiedenen – hoffentlich ähnlichen und deshalb vergleichbaren – Exemplaren festgelegt.
    Werte sind selbst ein in der kommunikationswissenschaftlichen Forschung eher unterbelichteter Typus von Information neben Daten und Programmen. Ich will die Unterscheidung hier nicht begründen und mich mit dem Hinweis auf kybernetische Regelkreise begnügen, in denen Daten als In – und Out, Sollwerte als Steuerungsgrößen und Programme als Algorithmen, die steuern, die Basisgrößen bilden. Wichtig ist der Hinweis, weil die Beschäftigung mit Leitmedien als wertebasierte Phänomene auf vermintes Territorium führt.
    2. Prämierungen und Hierarchisierungen sind möglich und notwendig, wenn
    a) Alternativen bestehen und
    b) die Kapazitäten von Kommunikatoren/informationsverarbeitenden Systemen nicht ausreichen, um die alternativen Informationen, Medien usf. parallel zu nutzen.
    Mit Blick auf die Objekte der Kommunikationswissenschaft können Prämierungen und Rangordnungen nicht nur in Bezug auf Medien sondern auch auf Informationstypen, Kommunikatoren und Kommunikationssysteme und manches andere aufgestellt werden. In der Massenkommunikationswissenschaft im Sinne der DGPUK wird die Prämierung von Informationen seit längerem als agenda setting behandelt. Die Aufmerksamkeit der Kommunikatoren gilt als begrenzt und also muß sie auf bestimmte Informationstypen gelenkt werden.

    3. Begrenzte Ressourcen und Ökologie
    Wo etwas auf die Agenda gesetzt wird, eine Rangordnung aufgebaut wird, da wird immer auch abgewertet. Wer Leitmedien bestimmt, bestimmt auch, daß und meist auch welche Medien unterdrückt werden. Dies wirft Fragen nach Minderheitenschutz, Legitimität von Diskriminierung usf auf. Es ist nicht nur in der Kommunikationswissenschaft üblich, diese beiden Pole asymmetrisch zu behandeln. Leitfrage ist das agenda setting nicht die Unterdrückung von Themen. Ich sehe keinen wissenschaftlichen Sinn in dieser Ungleichbehandlung – und habe deshalb die Frage nach Leitmedien auch immer mit jener nach den unterdrückten Medien bzw. den Kosten der Prämierung verknüpft. Bei begrenzten Ressourcen ziehen Prämierungen auf der einen Abwertungen auf der anderen Seiten unabweisbar nach sich. Dies ist ein Grundgedanke der Ökologie und mit dessen Anwendung auf die Geschichte kultureller Kommunikation habe ich mich in den ‚Mythen der Buchkultur’ auseinandergesetzt. Mythen legitimeren Abwertungen oder die unterschiedliche Bewertung von Bewertungen.

    4. Aufgaben der Geisteswissenschaften in der Prämierungsdiskussion
    Aber ich möchten diesen i.w.S. ökologischen Gedanken hier nicht in den Mittelpunkt stellen, obwohl ich überzeugt bin, daß seine Propagierung noch durchaus notwendig ist. (Man hätte die Tagung auch ‚Leitmedien und diskriminierte Medien’ nennen können.) Mich interessiert in diesem Vortrag nicht die Frage, wer wo mit welchen Verlusten Leitmedien ausruft sondern wie die Kultur- und Geisteswissenschaftler mit den Phänomenen der Prämierung und der begrenzten Ressourcen in unserer Umwelt umgehen sollten. Nach meinem Verständnis braucht sich die Forschung nicht damit zu begnügen, das Alltagswissen zu verdoppeln, es äußerstenfalls in eine andere explizitere symbolische Form zu transformieren. Als Entdecker haben die Forscher die Aufgabe, alternative Sichtweise zur Verfügung zu stellen. (Womit nicht gesagt ist, daß jeder Wissenschaftler Entdecker sein muß.) Mit welchen Modellen und oder Programmen müssen wir arbeiten, wenn wir nicht den im Alltag üblichen Typus hierarchischen Denkens anwenden wollen? Die Frage hat einen ernsten Hintergrund. Der Bedeutungsverlust der Geisteswissenschaften hängt m.E. unmittelbar damit zusammen, daß sie sich viel zu stark darauf beschränkt festzustellen, was ist (Daten bereitzustellen) und bestenfalls alltagweltliche Routinen (Programme) quantitativ zu optimieren.
    Welche Alternative gibt es also zum hierarchischen Denken im allgemeinen und zur Ausrufung von Leitkommunikatoren, -informationen und -medien im Besonderen? Was können wir mehr tun, als uns an Rankings zu beteiligen oder sie nachzuzeichnen?

    5. Triadisches Denken
    Wir können als erstes die üblichen Annahmen über die sehr engen Grenzen unser Informationsverarbeitungskapazitäten in Frage stellen und versuchen diese Grenzen weiter hinauszuschieben. Natürlich sind unsere Ressourcen begrenzt, aber möglicherweise nicht in dem Maße, daß grundsätzlich und bei allen Anlässen nur Entweder-Oder Entscheidungen möglich sind. Neben der linearen Hierarchisierung haben wir die Möglichkeit zu massiver Parallelverarbeitung. Wir brauchen nicht notwenig einen Faktoren an die Spitze zu stellen sondern können mehrere gleichberechtigt behandeln und zwar nicht nacheinander sondern simultan.
    Dies ist eigentlich eine Binsenweisheit, die letztlich in der organischen Struktur der Menschen begründet ist, aber sie wird in der Industriekultur nicht sonderlich geschätzt. Alle Menschen und alle menschlichen Kulturen sind multisensuell, zu massiver Parallelverarbeitung fähig und könne zugleich mehrere Medien im Handeln und Kommunizieren nutzen. Zwar gilt das Prinzip der begrenzten Ressourcen, aber es lautet nicht ‚Eines zur Zeit’, ‚Entweder-Oder’, ‚Tertium non Datur’ oder was sonst noch für monokausale Programme kursieren. Latent haben sich Geistes- und Kulturwissenschaftler schon häufig gegen die Rückführung von irgendwelchen Wirkungen auf eine – und zwar genau eine – Ursache gewehrt. Es kommt jetzt darauf an, diese Ablehnung absolutistischer Denkfiguren explizit zu propagieren.
    Dabei ist freilich gleichzeitig das Prinzip der begrenzten Ressourcen im Auge zu behalten. Deshalb sehe ich im Anything goes und anderem multifaktoriellen Denken keine Alternative. Wer in seinen Analyse beständig ‚Sowohl-als-Auch’-Argumente ins Feld führt, verdoppelt nur die Überkomplexität der Welt. Das gelingt allerdings aufgrund der begrenzten Kapazitäten, Zeit usf . letztlich nicht, sodaß sich unter der Hand meist wieder die üblichen binären Schematismen als Selektionskriterien einschleichen.
    Ich habe zwischen diesen beiden Extremen nach Mittelwegen gesucht und bin am Ende beim triadischen Denken geblieben. Es basiert auf der Annahme, daß Menschen und menschliche Kulturen bei vielen Gelegenheiten in der Lage sind auf drei Faktoren zugleich zu achten und Phänomene als das emergente Produkt des Zusammenwirkens dreier Prozesse zu betrachten.

    6. Anwendungsbeispiel: Kulturvergleich
    Ich will das dadurch eröffnete alternative Herangehen an die Mediengeschichte kurz an einem Beispiel aus der letzten Veröffentlichung, der ‚Entdeckung der kommunikativen Welt’ demonstrieren. Und zwar geht es hier in einem Teil um vergleichende Mediengeschichte. Verglichen werden die Kommunikationskulturen von Mitteleuropa und Japan in der Zeit von 1500 bis zur Mitte des 18 JHs, also dem Ende der Edo Zeit . ich hätte fragen können, was ist das kommunikative Leitmedium in den beiden Kulturen – und wie verändert es sich ggfs.? Damit hätte ich das Prinzip der Rankings , was wir aus dem modernen Europa – und seinen aktuellen Sport- und Fernsehshows – kennen, übernommen. Es wäre kein alternatives Modell zu Anwendung gekommen und noch dazu eines, welches in der japanischen Kultur jener Zeit kaum auszumachen ist.
    Stattdessen habe ich von vornherein das Zusammenwirken mehrere Sinne, Medien, Typen von Kommunikatoren in den Vordergrund gestellt. Es zeigte sich, daß die Beschränkung auf jeweils drei Faktoren noch gut zu bewältigen war und zu klaren Ergebnissen führt.
    Ich zeige die Zusammenfassung der triadischen Komparatistik in Form einer Graphik (Aus: M. Giesecke. Die Entdeckung der kommunikativen Welt, Frankfurt/Main 2007)
    Abb. 68
    http://www.kommunikative-welt.de/entdeckung_web/html/web68_vergleich_jap_euro.htm

    Das Herausgreifen eines beliebigen einzelnen Faktors, bspw. des Leitmedium ‚gedrucktes Buch’ hätte zu einer Vergewaltigung der japanischen Kultur geführt, eben weil in dieser Kultur diesem Medium keine solche zentrale Rolle zukam. Anderseits muß , wenn man denn überhaupt vergleichen will, von ähnlichen Faktoren ausgegangen werden. Die Medientriade sichert diese Gemeinsamkeit. Die unterschiedlichen Verteilungen der Bedeutung ermöglichen es auf der anderen Seite auch die Unterschiede zu erfassen.

    7. Fazit
    Was heißt das für das Thema der Tagung? Worin liegen die Vorteile des alternativen Vorgehens?
    Es geht darum, die Akte der Selbstsimplifikation der Aufmerksamkeitsfokussierung, der Komplexitätsreduktion im Wahrnehmen, Denken und Handeln nicht so weit zu reduzieren, daß nur noch ein Faktor, z.B. ein Leitmedium übrig bleibt. Das nenne ich absolutistisches Denken bzw. Medienabsolutismus. Menschen und Kulturen haben die Organe und die Fähigkeiten zu massiver Parallelverarbeitung. Sie sind Ökosysteme, und sie sollten auch so handeln – und behandelt werden. Wir brauchen uns deshalb als Forscher nicht mit einfachen Rankings zu begnügen sondern können triadische Konzepte zur Verfügung stellen, die dazu auffordern mehrer Faktoren in ihrer Wechselwirkung zu betrachten.

    8. Thesen zur Prämierung und Hierarchisierung der Medien und menschlichen Sinne
    1. Obwohl alle menschlichen Kulturen multimedial, multisensuell und massiv parallel verarbeitend angelegt waren und sind, hatten bzw. haben sie doch niemals alle Sinne und Medien gleichmäßig berücksichtigt. Vielmehr erwiesen und erweisen sich die Disproportionen in der Nutzung der Sinne und Medien als wichtigster Motor für alle kulturellen Veränderungen.
    2. Kulturen haben, wenn man sie als selbstreferentielle informationsverarbeitende Systeme betrachtet, die Fähigkeit, Bewertungen ihrer eigenen Strukturen, Medien, Informationen, Prozesse etc. vorzunehmen. Mehr noch: sie stehen andauernd vor der Notwendigkeit eben dieses zu tun und das Aussetzen von Bewertungen ist ein speziell zu organisierendes, mühsames Unterfangen.
    3. Die verschiedenen Kulturen und historischen Epochen unterscheiden sich aus informationstheoretischer Perspektive durch die Sinne, Speichermedien, Prozessoren und Darstellungsformen, die sie bevorzugt benutzen, technisch unterstützen und reflexiv verstärken. Zum anderen unterscheiden sie sich durch die Vernetzungsformen, die sie bevorzugen und die sie als ‚Kommunikation‘ auszeichnen. Drittens unterscheiden sie sich in den Spiegelungen, die sie zwischen sich und der Natur sowie innerhalb der Kultur zwischen den verschiedenen Medien zulassen und nutzen.
    4. Da alle Kommunikationsmedien von den Menschen wahrgenommen werden müssen, damit sie zu Instrumenten der Verständigung werden können, entspricht die Prämierung bestimmter Medien immer auch der Prämierung bestimmter menschlicher Wahrnehmungsorgane – et vice versa. Das jeweils bevorzugte Sinnesorgan, die bevorzugten Prozessoren (Verstand, Glaube, Gefühl), Speicher- und Kommunikationsmedien bestimmen auch die Theorie der Wahrnehmung, des Denkens, der Darstellung und Verständigung.
    5. Alles Neue, welches sich in Ökosystemen durchsetzt, wird prämiert, d.h. in der Wertehierarchie höhergestuft als zumindest ein anderes schon vorhandenes Element. Jede Innovation führt deshalb zum relativen Bedeutungsverlust von gegebenen Beständen: Medien, Kommunikatoren, Informationstypen.
    6. Diese Herstellung einer neuen Hierarchie verlangt in sozialen Systemen und menschlichen Kulturen Legitimationen. Dies sind i.d.R. Ideologien, die über den i.e.S. medientheoretischen Diskurs auf religiöse, soziale u.a. Bereiche hinausgreifen. Die Behandlung der Legitimationen bedeutet immer auch den Übergang von einer strikt medien- und kommunikationstheoretischen Betrachtung zu einer kulturellen Sicht.
    7. Eine Grundfrage gegenwärtiger Medienpolitik lautet, ob auch in Zukunft unsere Kultur auf lineare Hierarchisierung und damit einhergehendes binäres Denken setzen will- oder ob die Parallelverarbeitung größere Bedeutung erlangen kann. Die Kennzeichnung unserer Epoche als multimedial führt nicht weiter. Alle menschlichen Kulturen sind, multimedial. Der Zankapfel war immer die Beziehung zwischen den Medien. Und hier lauten die Pole bisher: Medienabsolutismus oder Medienökologie im Sinne grenzenloser Pluralität. Triadisches Denken bietet hier einen neuen Ansatz, der die Extreme des Entweder-Oder-Denkens und des Sowohl-Als-Auch meidet und Prämierungsanalysen und der Suche nach Balancen die größere Bedeutung zumißt.
    (Vgl. http://www.mythen-der-buchkultur.de Modul 05, Zus. ‚Prämierung und Hierarchisierung’)
    Die vom Wissenschaftsrat in seinem Gutachten zur Kommunikations- und Medienwissenschaft geforderte Dreiteilung und tayloristische Abarbeitung von „drei Ausrichtungen im Feld der Kommunikations- und Medienwissenschaften: die sozialwissenschaftlich orientierte Kommunikationswissenschaft, die kulturwissenschaftliche Medialitätsforschung und die an der Informatik orientierte Medientechnologie“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie wenig Komplexitätsverarbeitung heute den Professoren zugetraut wird.

  2. Henning Groscurth meint:

    hallo haber und hodel (sorry, ihre namen klingen zusammen so gut), eine gewisse konturlosigkeit der tagung haben sie ja bereits beklagen müssen. ich sehe das ähnlich; und sicherlich ist auch der leitmediale ein ‚vermasster‘ diskurs, woraus sinnvoll zu selektieren nicht einfach ist. vielleicht halten sie es nicht für unverschämt wenn ich einmal pro domo selektiere: es gibt einen schön knappen pressedienst aus siegen, der sich ebenfalls der leitmedien-frage stellt. sie können ein pdf-file hier herunterladen: http://www.uni-siegen.de/uni/publikationen/extrakte/

    herzliche grüße aus köln/siegen

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