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Wikipedia, die Lehrerfreude

Unterrichtsplanung bei Wikipedia

Lehrpersonen nutzen Wikipedia zur Unterrichtsvorbereitung. Dürfen die das? Klar.

Vor ein paar Tagen habe ich einer ausgewählten Schar angehender Lehrer/innen im Rahmen eines Ringseminars meine Überlegungen zum Nutzen und Nachteil von Wikipedia für das Geschichtslernen vorgestellt.1 Dabei bin ich eher zufällig auf einen (eigentlich naheliegenden, mir aber bislang nicht bewussten) Sachverhalt aufmerksam geworden: die Lehrpersonen, die mir gegenübersassen, waren nicht mehr (wie lange von Seiten der Schüler/innen berichtet) Wikipedia-Hasser oder -Warner oder -Skeptiker, sondern Wikipedia-Nutzer/innen. Eingeleitet durch einige Anekdoten meiner eigenen jüngsten Wikipedia-Nutzung2 fragte ich in die Runde, wann denn die Anwesenden das letzte Mal Wikipedia genutzt hätten. Nach einigen eher zögerlich vorgetragenen Antworten mit Beispielen allgemeiner Anwendungen schliesslich die vorsichtige Wortmeldung eines Kollegen: er habe Wikipedia zur Unterrichtsvorbereitung für den Geschichtsunterricht verwendet; den Artikel zum 1. Weltkrieg. Auf Nachfrage, wer den sonst aus der Runde schon Wikipedia zur Unterrichtsvorbereitung verwende, schnellten die Arme hoch…

Einverstanden, das mag jetzt wohl kaum überraschen. Die Schüler/innen von gestern sind eben die Lehramtsstudierenden von heute. Und warum soll nicht für die Unterrichtsvorbereitung taugen, was auch für die Prüfungsvorbereitung taugte? Es sei hier auch keinesfalls bestritten, dass Wikipedia bei der Vorbereitung des Unterrichts (auch im Fach Geschichte) durchaus hilfreich sein kann; auch nicht, dass mit Wikipedia vorbereiteter Unterricht hervorragend gestaltet sein und ausgezeichnete Wirkungen erzielen kann. Es brauchen sich also keine Wikipedia-Apologeten (und -Apologetinnen) in den Kommentaren vor Empörung zu überschlagen. Aber darf man (ganz zaghaft) vielleicht etwas mehr Differenzierung erwarten? Ich meine, früher hat man ja auch erwartet, dass die Lehrpersonen mehr über den zu behandelnden Stoff in Erfahrung bringen mögen als das, was die Schüler/innen im Schulbuch lesen konnten. Wobei, schon klar, es geht ja (wie bei den Schüler/innen) weniger darum, was gelesen, sondern was aus der Lektüre gemacht wird.

Vielleicht wird man aber doch wenigstens erwarten können, dass sich die Lehrpersonen mehr mit Wikipedia befassen, wo es doch wenn nicht zum heimlichen Leitmedium so doch zum heimlichen Lehrmedium zu werden scheint? Denn bei meinem Vorschlag, man könne im Unterricht ja mal die aktuelle Version eines Artikels mit früheren vergleichen, war die Gruppe etwas ratlos: Was, so traute sich dann jemand zu fragen, sind „frühere Versionen“? Ich würde jetzt nicht gleich von „digital naives“ sprechen wollen. Schliesslich kennt und weiss man meist nur das, was man regelmässig benutzt; und das gilt für die hier besagten Lehramtsstudierenden in gleicher Weise. So würde sich wohl auch die Frage einer anderen Studentin in der Runde erübrigen, wer eigentlich die Leute seien, die die Artikel bei Wikipedia kontrollierten, und wie sie dazu kommen. Das ist aufwändig herauszufinden, ohne Frage. Darf man den Aufwand von Lehramtsstudierenden verlangen, weil sie schliesslich den Wikipedia-Gebrauch ihrer Schüler/innen anleiten und evaluieren müssen? Zumindest die Lektüre einer der Artikel von Maren Lorenz, die sich die Mühe der Erkundung des Administratoren-Systems in der Wikipedia gemacht hat, müsste wohl drinliegen. Zur Erinnerung:

  • Lorenz, Maren: Wikipedia. Zum Verhältnis von Struktur und Wirkungsmacht eines heimlichen Leitmediums. In: WerkstattGeschichte 43 (2006), S. 84-95.
  • Lorenz, Maren: Repräsentation von Geschichte in Wikipedia oder: Die Sehnsucht nach Beständigkeit im Unbeständigen. In: Korte, Barbara; Paletschek, Sylvia (Hg.): History goes Pop. Zur Repräsentation von Geschichte in populären Medien und Genres, Bielefeld 2009, S. 289-312.
  • Lorenz, Maren: Wikipedia als „Wissensspeicher“ der Menschheit – genial, gefährlich oder banal?. In: Meyer, Erik: Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien, Frankfurt 2009, S. 207-236.

Man muss ja nicht unbedingt den Schlussfolgerungen von Frau Lorenz folgen – das Lesen der Analyse lohnt sich in jedem Fall.

  1. nicht zum ersten Mal – die Basics finden sich hier im Blog verstreut (z.b. hier) und sind auf dem Wege der Publikation, die entsprechenden Angaben werden bei Gelegenheit nachgeliefert []
  2. wen’s interessiert: „Orangerie“ (weil ein Gebäudeteil der Pädagogische Hochschule so heisst), „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ (weil mein Sohn eine Prüfung hierzu hatte und ich eine Zusammenfassung des Inhalts benötigte), „Headley-Zelle“ (Geographie-Prüfungsvorbereitung wiederum meines Sohnes). []

3 Kommentare auf “Wikipedia, die Lehrerfreude”

  1. Dr. Klaus Graf meint:

    Wer wie Frau Lorenz seine Wikipedia-Kritik ausschließlich auf totem Holz publiziert, für den habe ich nur Verachtung übrig.

  2. Jan Hodel meint:

    Nun, grundsätzlich steht es jedem frei, jede beliebige Person oder Gruppe aus welchen Gründen auch immer zu verachten. Ich halte aber doch dafür, dass die Präferenz für das althergebrachte Publizieren in Printmedien per se noch nichts Ehrenrühriges ist (auch nicht zu Themen des digitalen Medienwandels). Zudem kann ich mir vorstellen, dass Maren Lorenz durchaus auch in einem wissenschaftlichen digitalen Publikationsorgan (z.B. hypotheses.org?) ihre Überlegungen zu Wikipedia veröffentlichen würde. Und schliesslich: Die entsprechenden Aufsätze von Frau Lorenz kann man schon im Internet (also in digitaler, oder „nicht-totholziger“ Form) finden, wenn man das will. So zum Beispiel den Artikel in Werkstatt Geschichte im hauseigenen digitalen Archiv oder den
    Beitrag in „History Goes Pop“ bei Google Books. Viel Spass beim Lesen!

  3. Fontanefan meint:

    Herzlichen Dank für die Hinweise auf die elektronischen Versionen der Aufsätze von Maren Lorenz!
    Der Aufsatz von 2006 wird der Wikipedia von 2011 kaum gerecht (ich denke an die inzwischen gut etablierte Geschichtsredaktion), den anderen habe ich noch nicht gelesen.
    Eine Kritik an der Verwendung der Wikipedia zur Unterrichtsvorbereitung geht freilich von völlig falschen Vorstellungen über den Zeithaushalt von Lehrern für Unterrichtsvorbereitung aus. Die Lehrer, die 5 Minuten vor Beginn einer Stunde in der 8. Klasse ein 800 Seiten starkes Werk über Alexander den Großen studieren, gab es, sie waren aber schon immer selten. Falls sie noch seltener geworden sein sollten, wäre es m.E. für die Qualität des Unterrichts nur von Vorteil; denn sorgfältige inhaltliche Vorbereitung kann nur auf Unterrichtsreihen geschehen, nicht auf einzelne Stunden.
    Dabei ist dann der Rückgriff auf Print-Literatur, sofern sie greifbar ist, möglich. Doch die wissenschaftliche Positionierung findet auch dort nicht statt, sondern in der allgemeinen persönlichen Fortbildung. Und selbst für die ist die Wikipedia noch nützlich, weil sie das Verfolgen neuerer Trends und aktueller Diskussionen in der Publizistik und in fachwissenschaftlichen Publikationen erleichtert.

    Dabei spreche ich als ein Lehrer, dem öfter eine Unterbetonung der methodischen Vorbereitung, meiner Erinnerung nach aber nie eine der inhaltlichen Seite nachgesagt worden ist.

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