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Das Leiden an der Twitterwall

Twitterwall an der re:publica 09 (von [1] flickr-user leralle [2]; CC BY-NC-SA 2.0) – davor: ein paar Menschen.

Letzthin an der Tagung zur Eröffnung [3] der Blog-Plattform de.hypotheses.org [4] war ich zum ersten Mal mit einer Twitterwall [5] konfrontiert. So darf man es wohl sagen, denn die Anordnung der Projektion (direkt über den Köpfen der Vortragenden, gleich neben der Projektion der Powerpoint/Keynote/Prezi-Folien) liess quasi gar keine andere Wahl, als gebannt auf den nächsten Refresh-Zyklus zu warten und die neusten Tweets mit dem Hashtag [6] #dhiha4 zu heften.1 [7]
Schon seit geraumer Zeit werden an einschlägigen Tagungen die Tweets, die sich mit der Veranstaltung befassen, öffentlich projiziert. Doch stösst die Twitterwall bzw. ihre als unreif und unfair empfundenen Nutzung durch die im Publikum anwesenden Twitterati, zuweilen auf deutliche Kritik [8] (auch hier [9]). Der Beitrag von Axel Krommer in Telepolis [10] zeigt überdies, wie die Twitterwall den gleichsam davorliegenden Burggraben zwischen konventionellen Tagungsformaten und digitalen Handlungspraktiken verdeutlicht, ja sogar erzeugt. Dabei ist die Kritik keineswegs nur ein Vergällen neuartiger Umgangsformen von zurückgebliebenen konservativen digital immigrants [11], die den Anschluss verpasst haben.

Es geht hier auch nicht darum, das Twittern während Konferenzen und den entsprechenden Veranstaltungen als solche zu verurteilen. Das Twittern ist schlicht und einfach ein Fakt, und es geht im Folgenden vor allem darum, sich zu überlegen, wie dieser Fakt optimal für die Tagung selbst genutzt werden könnte. Grundsätzlich lassen sich verschiedene Funktionen identifizieren, die Tweets bei Präsentationen oder Podiumsdiskussionen ausüben können – kommen diese Funktionen in Twitterwalls sinnvoll zur Geltung?

Twitterwalls haben den Beigeschmack der Hinterbühne, auf der die gelangweilte Schar im Saale digitale Hasenohren machen und vorlaute Zeitgenoss/innen sich selbst gegenüber dem Redner in den Vordergrund spielen. Die Verlockung, diese Bühne zu nutzen, ist schon sehr gross.

Insofern wäre zu prüfen, wie, bzw. wo solche Twitterwalls sinvollerweise aufgestellt werden und ob für ihre Nutzung auch Regeln aufgestellt werden sollen. Hier sind bei Blog „Web 2.0 in der politischen Bildung“ einige entsprechende (und auch hier schon aufgeworfene) Überlegungen [13] zusammengestellt worden. Ob eine Platzierung der Twitterwall jedoch so günstig ist, wenn der Referent dann immer wieder ins Publikum blickt, um abgewandte Köpfe zu erblicken, bezweifle ich zwar. Vielleicht passt die Twitterwall besser in den Empfangs- oder Cafeteria-Bereich. Denkbar ist zudem, mit einem zusätzlichen Hashtag (oder eine Variation davon) den Tweet-Strom zu differenzieren und nicht alle privaten Off-Topic-Kommentare oder Re-Tweets auf der Twitterwall abzubilden.

Auch bei dieser scheinbar unwichtigen technischen Spielerei lässt sich beobachten, wie eingespielte Konventionen wissenschaftlichen Diskurses durch neue Technologien in Frage gestellt, ja zuweilen gar in Krisen gestürzt werden. Es wird sich zeigen, inwiefern die Technologien neue wissenschaftliche Diskursformen herbeiführen oder ob die bestehenden Diskursformen die neuen Technologien zu integrieren vermögen.

  1. bei Twitter, diesem flüchtigen digitalen Medium par excellence, ist das nicht mehr zu finden; die Tweets sollen dann noch archiviert zugänglich gemacht werden. [ [14]]