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Das Leiden an der Twitterwall

Twitterwall an der re:publica 09 (von flickr-user leralle; CC BY-NC-SA 2.0) – davor: ein paar Menschen.

Letzthin an der Tagung zur Eröffnung der Blog-Plattform de.hypotheses.org war ich zum ersten Mal mit einer Twitterwall konfrontiert. So darf man es wohl sagen, denn die Anordnung der Projektion (direkt über den Köpfen der Vortragenden, gleich neben der Projektion der Powerpoint/Keynote/Prezi-Folien) liess quasi gar keine andere Wahl, als gebannt auf den nächsten Refresh-Zyklus zu warten und die neusten Tweets mit dem Hashtag #dhiha4 zu heften.1
Schon seit geraumer Zeit werden an einschlägigen Tagungen die Tweets, die sich mit der Veranstaltung befassen, öffentlich projiziert. Doch stösst die Twitterwall bzw. ihre als unreif und unfair empfundenen Nutzung durch die im Publikum anwesenden Twitterati, zuweilen auf deutliche Kritik (auch hier). Der Beitrag von Axel Krommer in Telepolis zeigt überdies, wie die Twitterwall den gleichsam davorliegenden Burggraben zwischen konventionellen Tagungsformaten und digitalen Handlungspraktiken verdeutlicht, ja sogar erzeugt. Dabei ist die Kritik keineswegs nur ein Vergällen neuartiger Umgangsformen von zurückgebliebenen konservativen digital immigrants, die den Anschluss verpasst haben.

Es geht hier auch nicht darum, das Twittern während Konferenzen und den entsprechenden Veranstaltungen als solche zu verurteilen. Das Twittern ist schlicht und einfach ein Fakt, und es geht im Folgenden vor allem darum, sich zu überlegen, wie dieser Fakt optimal für die Tagung selbst genutzt werden könnte. Grundsätzlich lassen sich verschiedene Funktionen identifizieren, die Tweets bei Präsentationen oder Podiumsdiskussionen ausüben können – kommen diese Funktionen in Twitterwalls sinnvoll zur Geltung?

  • Tweets können der Kommunikation mit anderen Zuhörer/innen im Publikum dienen, zumeist sind es (mehr oder weniger inhaltlich passende) Kommentare. Doch müssen diese Tweets sichtbar sein? Kann man nicht mittlerweile davon ausgehen, dass alle, die Tweets lesen wollen, ein geeignetes Gerät dabei haben, um dies zu tun? Man kann ja ganz allgemein fragen, ob wirklich alle Zuhörer/innen sich während einer Präsentation oder einer Diskussion selber auch noch mit Kommentaren vernehmen lassen oder solche zur Kenntnis nehmen wollen.
  • Tweets können auch der Kommunikation mit Abwesenden dienen, denen die wesentlichen Aussagen aus der Präsentation oder Diskussion mitgeteilt werden. Das muss wohl kaum für die Teilnehmenden sichtbar gemacht werden, dies führt ja lediglich zu Redundanz der Aussagen. Zudem könnte dieser Part auch von den Sprecher/innen selber übernommen werden, entsprechende Tools gibt es schon, wenngleich sie noch etwas umständlich zu integrieren sind. Wann kommt das offizielle Twitter-Plugin für Powerpoint von Microsoft?
  • Tweets können auch der direkten Kommunikation mit dem Sprecher/innen dienen, Fragen an sie richten oder ihre Aussagen kommentieren. Twitter stellt dann sozusagen eine vorgezogene und/oder erweiterte Fragerunde dar, die sich nicht nur auf die obligaten drei Wortmeldungen im Anschluss an den Vortrag/Input beschränken muss. Und doch stellt sich auch hier die Frage, ob diese Fragen an die Referent/innen während des Referats für alle (auch für die Referent/innen selbst) sichtbar sein müssen. Denkbar wäre auch, die Tweets durch einen Moderator oder eine Moderatorin (oder durch das mittwitternde Publikum in Form von Re-Tweets) erst filtern und Gewichten, und dann vortragen zu lassen. Dazu braucht es keine Twitterwall.

Twitterwalls haben den Beigeschmack der Hinterbühne, auf der die gelangweilte Schar im Saale digitale Hasenohren machen und vorlaute Zeitgenoss/innen sich selbst gegenüber dem Redner in den Vordergrund spielen. Die Verlockung, diese Bühne zu nutzen, ist schon sehr gross.

Insofern wäre zu prüfen, wie, bzw. wo solche Twitterwalls sinvollerweise aufgestellt werden und ob für ihre Nutzung auch Regeln aufgestellt werden sollen. Hier sind bei Blog „Web 2.0 in der politischen Bildung“ einige entsprechende (und auch hier schon aufgeworfene) Überlegungen zusammengestellt worden. Ob eine Platzierung der Twitterwall jedoch so günstig ist, wenn der Referent dann immer wieder ins Publikum blickt, um abgewandte Köpfe zu erblicken, bezweifle ich zwar. Vielleicht passt die Twitterwall besser in den Empfangs- oder Cafeteria-Bereich. Denkbar ist zudem, mit einem zusätzlichen Hashtag (oder eine Variation davon) den Tweet-Strom zu differenzieren und nicht alle privaten Off-Topic-Kommentare oder Re-Tweets auf der Twitterwall abzubilden.

Auch bei dieser scheinbar unwichtigen technischen Spielerei lässt sich beobachten, wie eingespielte Konventionen wissenschaftlichen Diskurses durch neue Technologien in Frage gestellt, ja zuweilen gar in Krisen gestürzt werden. Es wird sich zeigen, inwiefern die Technologien neue wissenschaftliche Diskursformen herbeiführen oder ob die bestehenden Diskursformen die neuen Technologien zu integrieren vermögen.

  1. bei Twitter, diesem flüchtigen digitalen Medium par excellence, ist das nicht mehr zu finden; die Tweets sollen dann noch archiviert zugänglich gemacht werden. []

2 Kommentare auf “Das Leiden an der Twitterwall”

  1. Julia Schreiner: Neue (Auf)Schreibsysteme. Verändern Weblogs die Konventionen des geschichtswissenschaftlichen Schreibens? - historyblogosphere - Bloggen in den Geschichtswissenschaften. Ein Open Peer Review-Buchprojekt meint:

    […] Akute, Gedrängte, auch Kryptische aus – vor allem beim Live-Twittern zu Tagungen zu beobachten [http://weblog.hist.net/archives/6100]. Und auch die Geschwindigkeit, mit der auf tweets reagiert, geantwortet, re-tweetet wird, ist eine […]

  2. Twitterarchiv und Reaktionen auf #dhiha5 | Digital Humanities am DHIP meint:

    […] die suboptimal hinter dem Podium aufgestellt war, so dass der Saal die Tweets mitlesen konnte[2]. Für die Vortragenden zeigte ein Laptop die Twitterwall an. Je nach Leiter/in der Panels und je […]

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