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„Der Zweite Weltkrieg auf Twitter“ – muss das sein?


Ich setze mich nicht gerne dem Vorwurf aus, gegenüber experimentellen Nutzungen digitaler Medien nicht genügend aufgeschlossen zu sein. Aber das von Anna Gielas in der NZZ [1] (dito von Telegraph [2], BBC [3] und http://www.huffingtonpost.com/2011/11/14/real-time-world-war-ii-twitter_n_1093345.html) gelobte Projekt @RealTimeWWII [4] eines 24-jährigen Oxford-Studenten namens Alwyn Collinson lässt mich nicht nur den Kopf schütteln, sondern – den Musen der Digital Humanities sei’s geklagt – regelrecht erschaudern.

Warum? Collinson äussert seinen Anspruch laut Telegraph [2] wie folgt:

I’m hoping to use Twitter to help bring the past to life, helping people understand the past as people at the time saw it, without the benefit of hindsight

Hat Herr Collinson in Oxford mal was von Historismus gehört? Aber selbst historistisch orientierten Kolleg/innen muss es verquer anmuten, wenn eine 140-Zeilen-Nachricht wie

(21.11.) Noon. Hitler & German generals/staff officers meeting now in the Berlin Chancellery. Hitler: I wish „to give you an idea of my thoughts“

ohne Angabe von Kontext oder Quelle durch die Welt getwittert wird – was nicht behoben wird durch den Umstand, dass zuweilen mehrere Twitter-Meldungen zum gleichen Thema aufeinander folgen. Das Argument, dass hier die Ereignisse in einer Form nacherlebbar würden, wie sie sich für die damaligen Zeitgenossen dargeboten hätten (schon der Anspruch ist bestreitbar), verfängt unter diesen Umständen in keiner Weise. Einträge wie

(18.11) Dr William Besson was aboard SS Simon Bolivar. His spine damaged & arm broken in the explosion, he dived into sea trying to save his son

oder

(17.11.) Josef Jira, medical student: „SS have stormed into our dormitory & detained us. We are to be sent to a concentration camp“

zeugen wohl vom Anspruch, Erlebnisse aus dem Alltag wiederzugeben, im Bemühen, „mediengerecht“ – also dem Medium Twitter mit seinen Alltagsbezügen, aber auch hochpolitischen „Live-Berichten“ vom Ort des Geschehens entsprechend – die historischen Sachverhalte „rüberzubringen“. Hier werden Quellengattungen und Entstehungszusammenhänge nicht nur unterschlagen, sondern wild durcheinander geworfen und vermitteln ein Bild, wie es sich den Zeitgenosse/innen in dieser Form nie und nimmer dargestellt hat – und das auch für heutige Interessent/innen kaum erhellende Einsichten bietet.

Dass eine solche Nach-Vertwitterung historischer Grossereignisse seinen Reiz hat, ist nicht bestritten – davon zeugen auch die mittlerweile (22.11.) 136’164 Followers. Gerne darf man Twitter dazu nutzen, um neue Formen historischer Narration auszuprobieren. Aber so? Bitte nicht. Leider hat sich Collinson aber fest vorgenommen, das Projekt die nächsten sechs Jahre (!) durchzuziehen.

Interessant wäre ein solches Vorhaben allenfalls als Assoziationsteppich, der zur Feststellung diente, wie die User/innen selbst beim Lesen der Kurznachrichten diese in den narrativen Zusammenhang ihres individuellen (Halb-)Wissens über diese historische Zeit stellen.