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«Jefe» Franco? Wie krass ist das denn?

Von der Empörung, die das Erscheinen des spanischen biographischen Lexikon in der spanischen Öffentlichkeit ausgelöst hat, erfahren wir dank Kollege Eisenmengers Sprachkompetenz in seinem ausführlichen Berichts. Im besagten Lexikon, das eben erschienen ist, wird Francisco Franco als „Generalisimo e jefe del Estado español“ bezeichnet, ja, fast gefeiert (PDF-Auszug: hier). Dass die Verfolgungen politischer Gegner nicht nur geschönt, sondern verschwiegen werden, versteht sich da schon fast von selbst.
Es ist hier wohl nicht der Platz (und mir fehlt auch die Kompetenz), um in der nötigen Tiefe zu diskutieren, ob Francos Regime nun noch „autoritär“ oder schon „totalitär“ zu bezeichnen sei. Unstrittig scheint jedoch, dass diese Unterscheidung politisch bedeutsam und für alle Spanier/innen, die sich dem linken Lager zugehörig fühlen und/oder die selbst unter dem Franco-Regime aufgrund ihrer politischen Ansichten gelitten haben, ein Schlag ins Gesicht ist.

Kollege Eisenmenger ist der Ansicht, dass gerade auch solche geschichtspolitischen Entwicklungen in Spanien einer der Gründe seien, weshalb die Jugendlichen nun schon seit Wochen auf den öffentlichen Plätzen der grossen Städte protestieren. Um das zu beurteilen reichen meine Spanien- und Spanischkenntnisse nicht aus. Aber auf jeden Fall ein willkommener Anlass, um die Aufmerksamkeit von EHEC-Erreger und Kachelmann loszueisen, und sich zwei drei Gedanken dazu zu machen, wie das geschichtspolitische Klima in Europa sich entwickelt. Wer bekommt den nächsten Persilschein: Frankreichs Petain? Mussolini? Die griechischen Obristen? Quisling? Und führt das dann auch zu Protesten?

3 Kommentare auf “«Jefe» Franco? Wie krass ist das denn?”

  1. Daniel Eisenmenger meint:

    Danke fürs Verlinken! Ich hab im Artikel gerade noch ein paar Links als „Belege“ ergänzt. Lesenswert vor allem der Beitrag im Tagesspiegel, der u.a. an einem Beispiel den Zusammenhang von fehlender Geschichtsaufarbeitung, dem Prozess gegen Garzón und Tragen des Protestes auf die Straßen aufzeigt:
    http://www.tagesspiegel.de/kultur/yes-we-camp/4228640.html

  2. Frauke Kersten meint:

    Der Verfasser des biographischen Eintrages ist der Historiker Luis Suárez Fernández und war der Haus- und Hofhistoriker Francos.
    Ein differenzierter Artikel findet sich hier

    http://www.publico.es/culturas/379058/los-historiadores-se-alarman-ante-la-hagiografia-de-franco

  3. ms meint:

    Mussolini wird doch schon seit Jahren von der Berlusconi-Regierung aufgewertet und ist in Italien leider auch wieder salonfähig.
    Die heftigsten geschichtspolitischen Streitigkeiten in Europa toben aber in Osteuropa in den ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten. Gerade die Erfahrung, dass die Sowjets nicht als die Befreier kamen als die sie sich hochstilisierten führt jetzt zu einer Aufwertung der rechten Regime der Zwischen- und Kriegszeit. In Ländern wie Ungarn kommt auch noch ein grassierender Rechtsextremismus hinzu, welcher diese Entwicklung und Umdeutung nur verstärkt.
    In Ungarn wurde beispielsweise vor kurzem der Leiter des Holocaust-Gedenkzentrums gefeuert:
    http://www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/leiter-von-gedenkstaette-abgesetzt
    Und in Litauen wird sogar gegen jüdische Partisanen ermittelt, weil diese ja mit den Sowjets kooperiert hätten:
    http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2011%2F02%2F04%2Fa0109&cHash=291646d5cc

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