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Plagiate – und kein Ende?

Kollega Haber fragte [1] in seinem Kommentar zur Guttenberg-Plagiats-Affäre, wo Stefan Weber denn in dieser ganzen Diskussion geblieben sei. Nun denn: in einem Artikel [2] des Tagesanzeigers über den erneut vorgebrachten Verdacht, der österreichische Politiker Johannes Hahn habe in seiner Dissertation auch plagiiert, wird Stefan Weber genannt. Er hat vom österreichischen Politiker Peter Pilz den Auftrag erhalten, Hahns Dissertation aus dem Jahr 1987 einer gründlichen Analyse zu unterziehen.

Der Artikel zeigt nicht nur, womit sich Stefan Weber im Moment beschäftigt, es scheint auch den Eindruck zu bestätigen, dass Plagiatsnachweise (aber auch schon Plagiatsvorwürfe) in politischen Auseinandersetzungen gerne instrumentalisiert werden. Auch andere Politiker/inne, bzw. deren Dissertationen, sollen nun unter die Lupe genommen [3] werden. So sehr man dem Blender Guttenberg den Fall vom hohen Ross gönnen mag – die Diskussion um die Plagiatsdebatte ist ja erstaunlich schnell wieder zur Ruhe gekommen, da der christlich-demokratische Hoffnungsträger seinen Rücktritt eingereicht hat. Zwar sieht er sich offenbar einer stattlichen Zahl von Strafanzeigen gegenüber, da etliche der unfreiwilligen Co-Autoren seiner Dissertation sich gegen die ungefragte Übernahme ihrer geistigen Schöpfungen wehren wollen. Doch Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten sind nicht nur ein juristisches Problem der verletzten Urheberrechte. Uwe Justus Wenzel zitiert entsprechend in seinem NZZ-Artikel [4] aus der letztes Jahr erschienenen, und damals schon breit rezipierten [5] Publikation [6] des Juristen Volker Rieble [7] dessen Forderung, dass im Interesse der Wissenschaft nicht nur das Autorenrecht zu schützen sei, sondern vor allem «das Wahrhaftigkeitsvertrauen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft, in der man wissen muss, was von wem geschrieben und erforscht worden ist.»

Das Beispiel Hahn zeigt auch, dass Plagiate in wissenschaftlichen Arbeiten nicht ein Phänomen des digitalen Zeitalter sind, wenn auch die Kulturtechnik (wenn wir es so nennen wollen) des „Copy/Paste“ die Verfertigung von Plagiaten technisch vereinfacht hat. Doch die immer wieder auftauchenden Meldungen von Plagiaten in Texten von Schüler/innen, Student/innen, Dissertant/innen und auch gestandenen Wissenschafter/innen scheinen bislang lediglich die Forderung nach Anschaffung von Software-Produkten zur automatischen Plagiatserkennung zu befördern. Darin manifestiert sich die Hoffnung auf das gleichsam homöopathische Prinzip, wonach mit Einsatz digitaler Technik die Auswüchse digitaler Technik geheilt werden könnten – dabei ist scheint klar [8], dass die Möglichkeiten dieser Software-Produkte begrenzt sind, sogar sehr begrenzt. Und ein Wiki wird wohl auch nicht zu jedem Plagiatsfall entstehen.

Eine Auseinandersetzung mit der Problematik, die in den wissenschaftlichen Plagiaten steckt, droht dabei unterzugehen: die prekären Situation einer industrialisierten Massen-Universität, in der Studierende lernen, am Fliessband das Produkt «wissenschaftliche Arbeit» zu verfertigen. Oder wie es Rainer Kreuzer in der taz [9] kommentierte: «Als eine Farce wird die Promotion nicht nur durch den Fund von Plagiaten entlarvt, sondern auch durch jene zahlreichen Arbeiten, die aus endlos zusammengereihten, aber korrekt nachgewiesenen Zitaten bestehen.»

Kreuzer spricht vom «Guttenberg-Syndrom» (übrigens nicht zu verwechseln mit dem «Gutenberg-Syndrom» [10]). Und der Name des Freiherrn scheint sich auch schon als Synonym für «plagiieren» einzubürgern. So beklagt [11] ein User die Wikipedia, in der die Plagiatsfrage auch immer wieder auftaucht, seine Schriften seien «geguttenbergt» worden (Kollega Haber zitiert [1] dagegen die Kurzform „gutten“) . Der Fall Wikipedia zeigt ebenfalls auf, dass die Diskussion über die «Eigentumsrechte» an Wissen, bzw die «Attribution» von Leistungen, die Wissen mehren, trotz aller CC-Definitionsbemühungen [12] noch zu führen ist.

Auf hist.net soll jedenfalls diese grundsätzliche Diskussion interessieren (etwa auch in den überraschenden technischen Möglichkeiten, die sich eröffnen [13]) – nicht die Anhäufung von Plagiatsverdachtsfällen. Kommentare, in welchen konkret benannte Personen des Plagiats verdächtigt werden, werden daher hier nicht freigeschaltet.