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Wikipedia/Copy/Paste im Geschichtsunterricht

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Ich möchte hier anlässlich des heute erschienenen NZZ-Beitrags [2] zur Rolle des Internets und insbesondere von Wikipedia für den Geschichtsunterricht einige kurze, ergänzende Überlegungen zur Wikipedia-Nutzung und des Copy/Paste-Phänomens (oder – wahlweise- : der Plagiats-Seuche) in den Schulen und damit auch im Geschichtsunterricht anbringen.

Eine zentrale, oft gestellte Frage: Haben die Schüler/innen kein Unrechtsempfinden? Hebeln sie einfach alle Werte von Schulunterricht und Wissensgesellschaft kaltschnäuzig aus, weil ihnen diese egal sind? Oder wissen sie es einfach nicht besser? Man kann die Frage natürlich auch grundsätzlicher stellen: Ist das Plagiieren in der Schule einfach nur Ausdruck eines gesellschaftlichen Wertewandels, der durch die unbegrenzte Zugänglichkeit zu digitalen Informationen aller Art induziert wird? Die Realität ist, wie so oft, komplex.

Natürlich wird man davon ausgehen können, dass sich Schüler/innen in der Schule oft berechnend und opportunistisch verhalten: Sie versuchen mit möglichst wenig Aufwand einen möglichst grossen Nutzen zu erzielen. Die nahe liegenden Erwägungen, inwiefern sich hier das Ideal des homo oeconomicus in der Schule (wie von einigen Exponenten der bildungspolitischen Debatte erwünscht) niederschlägt, seien hier einmal ausgelassen. Schüler/innen haben schon im analogen Zeitalter versucht, zu tricksen, wenn ihnen dies nötig erschien.

Die Vereinfachungen in der Erreichbarkeit und Verarbeitung der digital vorliegenden Informationen führen jedoch zu neuen Chancen und Herausforderungen. Copy/Paste ist zunächst einmal als eine Arbeitsform des Sammelns von Informationen zu verstehen: die Zwischenablage wird zum digitalen Klemmbrett, auf dem sich Schnipsel und Notizen von Recherche-Vorgängen ansammeln. Die Intensität der anschliessenden Verarbeitung (von plattem Copy/Paste zu Shake/Paste oder ausführlichen redaktionellen Bearbeitungen oder Zusammenfassungen in eigenen Worten) hängt vom Interesse, dem Zeitdruck, dem Verwendungszweck und der Einschätzung von Nutzen der Arbeit ab. Copy/Paste-Verhalten ist so gesehen ein «unvollständiger» Arbeitsprozess. (vgl. hierzu meinen früheren Eintrag zu Copy & Share [3]).

Die Erhebungen meiner laufenden Dissertationsarbeit lassen darauf schliessen, dass den Schüler/innen grundsätzlich darum wissen, dass Kopieren «irgendwie» problematisch ist – allerdings beurteilen sie die konkrete Praxis unterschiedlich. Eine ganzen Text einfach nur zu kopieren – dass dies nicht statthaft ist, leuchtet den meisten Schüler/innen ein. Dass aber auch einzelne Passagen zu kopieren unrecht ist, dass auch bearbeitete (gekürzte, vereinfacht) Texte, die kopiert wurde, als Plagiat gelten, und dass ein Hinweis am Ende eines Textes im Stile von „Quelle: Wikipedia“ nicht ausreicht: das wissen Schüler/innen oft nicht – und sie tun sich auch schwer, das zu akzeptieren, die die Konsequenzen (korrektes Zitieren mit Anführungszeichen, detaillierter Nachweis jedes Zitats, komplettes Neuschreiben aller nicht zitierten Textteile) mit erheblichem Mehraufwand verbunden sind.

Hier ist die Aufklärung über die Dimensionen und das korrekte Verhalten eine zentrale Aufgabe gerade der Mittelschulen. Das „Kopieren“ müsste dann in verschiedener Hinsicht zu problematisiert werden:

Das Nachweisen erfüllt mit der Herstellung von Transparenz auch einen anderen Zweck – den der Qualitätssicherung. Wenn klar wird, woher die Informationen kommen, kann auch ihre Qualität besser abgeschätzt werden, bzw. nur so kann überhaupt bewusst darüber nachgedacht und diskutiert werden, welche Informationen auf Grund welcher Kriterien als «besser» oder «schlechter» zu beurteilen sind. Das führt dann auch den Weg aus der Wikipedia-Misstrauen-Verbots-Falle: weil nicht klar ist, woher die Informationen der Schüler/innen kommen und weil nicht klar ist, welche Qualität die Informationen bei Wikipedia haben, neigt man in der Didaktik dazu, durch Verbote – oder neuerdings eleganter: durch Problematisieren der Entstehungszusammenhänge von Wikipedia – die Nutzung der Online-Enzyklopädie durch die Schüler/innen zu vermindern oder grad ganz zu unterbinden. Das ist nicht nur illusorisch, sondern potentiell kontraproduktiv, wenn etwa eine Schülerin zu Protokoll gibt, dass sie lieber nicht Wikipedia benutze, das sei so unsicher, sondern dass sie lieber auf andere Internet-Quellen zurückgreife. Denn diese Informationen sind unter Umständen von noch weitaus geringerer Qualität als bei Wikipedia.

Insgesamt wird die Didaktik sich Gedanken dazu machen müssen, wie eine handhabbare Praxis im Umgang mit Wikipedia und anderen Internet-Ressourcen in der Schule aussehen kann. Eine wissenschaftliche Methodik mit Detail-Nachweisen aller direkter Zitate wird schnell zur formalistischen Tortur und ist im Schul-Alltag nicht immer sinnvoll. Desgleichen wird auch die Schulung von „Wikipedia-Kompetenz“, die das kritische Überprüfen der Artikel im Hinblick auf Autoren und Versionen zum Gegenstand hat, im Alltag, wo die Praxis des schnellen Nachschlagens etabliert ist, nicht unbedingt zu den gewünschten Erfolgen führen (dennoch befürworte ich eine Auseinandersetzung mit der Funktionsweise von Wikipedia im Unterricht).

Ein Fortschritt wäre die Etablierung einer Praxis, in der selbstverständlich wird, die Transparenz über die Herkunft von Informationen herzustellen und damit grundsätzlich die Frage nach der Entstehung von Wissen zu thematisieren. Ein erster Schritt könnte sein, dass die Schüler/innen sich daran gewöhnen abschnittweise präzise nachzuweisen, welche Vorlagen als Grundlage dienten und woraus kopiert wurde, und zumindest ganze, unveränderte Sätze durch Kursiv- oder Fettschrift zu kennzeichnen.

Zum Thema „Wikipedia und Geschichtswissenschaften [4]“ (inkl. Geschichtsdidaktik) beachte die geneigte Leserschaft bitte auch unsere entsprechende Projektseite [4] bei hist.net und die weiteren Einträge zum Thema Wikipedia [5] in diesem Weblog.