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Internationale Geschichtsdidaktik in Leuven

Longing for the Present“ ist der Titel der internationalen Geschichtsdidaktik-Tagung, die gestern in Leuven/Löwen zu Ende ging. Die Zusammensetzung des Programms war dabei wirklich sehr international: Hier trafen sich Geschichtsdidaktiker/innen aus Schweden, Holland, Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Portugal, Bulgarien, Griechenland, Polen, Lettland, Finnland, Kanada, den USA, der Türkei und der Schweiz. Es war zwar sehr anregend, Eindrücke aus verschiedenen Kulturen des historischen Lernens und Einblicke in unterschiedliche Traditionen und Probleme des Geschichtsunterrichts zu gewinnen und dabei vor allem auch die Personen aus diesen unterschiedlichen Kontexten kennen zu lernen. Doch zuweilen schienen diese Traditionen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dann doch etwas gar weit auseinander, um mehr Erkenntnis als ein interessiertes „Ah, so ist das in XY“ zu erreichen. Viel Konzentration wurde ohnehin darauf verwendet, sich an die jeweiligen Akzente der Referent/innen zu gewöhnen und zu erraten, welches englische Wort wohl gerade mit den gehörten Lauten sinnvoll in Verbindung zu bringen sei.

Inhaltlich befassten sich die Beiträge vorwiegend mit der Geschichte der Geschichtsdidaktik, bzw. des Geschichtsunterrichts und der Idee dazu, wie dieser sinnvoll zu gestalten sei. Hierbei drehte sich das Interesse vor allem um den Einfluss gegenwärtiger Interessen („der Gegenwart“) auf die Vorschläge für, Forderungen an und Ausprägungen von Geschichtsunterricht.

Es war zwar durchaus interessant, gezeigt zu bekommen, wie sich schon Ende des 19. Jahrhunderts sich die Historiker, Lehrerbildner/innen und Didaktiker/innen den Kopf darüber zerbrachen, wie ein guter Geschichtsunterricht auszusehen habe, vor allem, welche Inhalte angebracht sind. Schon vor über hundert Jahren tauchte die Forderung auf, sich von der heroischen, nationalistischen Geschichtsvermittlung, die vor allem von Königen und Schlachten berichtete, zu verabschieden und stattdessen internationale Verständigung und kulturelle Errungenschaften und Veränderungen zu behandeln und das historische Verständnis der Schüler/innen anzuregen, anstatt Daten auswendig zu lernen. Nun, viel hat es ja offenbar nicht genutzt.

Da sich die Referent/innen in erster Linie mit den einfacher zugänglichen Quellen (Lehrpläne, theoretische Debatten, Schulbücher) befassten, blieb zudem die Frage offen, was die Schüler/innen tatsächlich im Unterricht vorgesetzt hatten und was sie sich eingeprägt haben. So scheint das in diesem Blog kürzlich angeschnittene historische Basiswissen ein Vexierbild, dem die Geschichtsdidaktiker/innen, Historiker/innen und Bildungspolitiker/innen schon immer versucht haben, ihren Stempel aufzudrücken – und ich fürchte, das wird in einer pluralistischen Gesellschaft, in der unzählige Gruppen versuchen, ihre Interessen in ein solches Basiswissen einzubringen, nicht besser werden. Maria Greven aus Rotterdam berichtete beispielsweise, dass es in Holland einen wahren Boom mit Publikationen gäbe, die alle jeweils einen spezifischen geschichtlichen „Canon“, also historisches Basiswissen, umfassen: von verschiedenen Städten und Regionen, der katholischen Kirche, von Sport, Kunst, sozialen Bewegungen, usw. usf. Das wird uns in Zukunft (etwa beim kommenden Lehrplan 21) noch einige Kopfschmerzen bereiten, fürchte ich.

Sehr angenehm waren hingegen die Aussichten am Tagungsort (dem Irish College) und darum herum. Leuven ist eine der ältesten Universitätsstädte der Region (wenn man Flamen sprachkulturell zu den Niederlanden zählt, was bei der Gründung der Universität 1425 sicherlich politisch korrekt war), die während des Ersten Weltkriegs zum Mahnmal für die menschen- und vor allem kulturverachtende Kriegsführung der Mittelmächte wurde, als die Stadt im Rahmen einer militärischen Strafaktion niedergebrannt wurde. Zugleich ist sie auch Hauptsitz der grössten Bierbrauerei der Welt, was bei der Sorge für das leibliche Wohl durchaus dienlich ist – sofern man ein Freund der Bierbrauerkunst ist – jedoch der Konzentration bei der Rezeption der Referate und der Argumentationsfähigkeit bei den anschliessenden, wie üblich sehr kurzen Diskussionen nicht unbedingt zuträglich ist.

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