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H-Net goes Hungary!

Nach längeren Vorbereitungen ist gestern in Budapest der Grundstein für eine ungarische Diskussionsliste im Rahmen von H-Net [1] gelegt worden. Das ist insofern bemerkenswert, weil die ungarische Geschichtswissenschaft sich in einer sehr speziellen Situation befindet.

Durch die sprachliche Isolierung Ungarns ist die Rezeption der ungarischen Geschichtswissenschaft im Ausland äusserst gering. Die Zahl der Historikerinnen und Historiker, die sich ausserhalb Ungarns mit der Geschichte des Landes befassen, ist überblickbar, da die Sprachbarriere viele Ost- und Mitteleuropaspezialisten/innen davon abhält, sich mit Ungarn zu befassen.

Die Szene der professionellen Historiker/innen in Ungarn ist ebenfalls überschaubar, denn mit zehn Millionen Einwohner/innen ist das Land kleiner als manches Bundesland in Deutschland. Das wäre allerdings noch zu verkraften, wäre das Thema Geschichte in Ungarn nicht zu einem politischen Schlacht- und Minenfeld geworden.

Geschichtswissenschaft ist in Ungarn Teil eines mit allen Mitteln geführten «Kulturkampfes» der wenigen liberalen Köpfe im Land gegen den zunehmend aggressiv auftretenden rechten Mainstream des Landes. Fast alle Themen des politischen Tagesgeschehens sind historisch aufgeladen, angefangen bei der Frage der ungarischen Minderheiten im benachbarten Ausland (Stichwort: Trianon [2] [oder auch so [3]]) bis zum ständig drohenden Bankrott des ungarischen Staates (Stichwort: Systemwechsel 1989 [4]).

Historische Debatten werden heute in Ungarn in den Tageszeitungen [5] und Wochenblättern [6] geführt, eine geschichtswissenschaftliche Diskussion findet verzettelt in einigen lokalen Geschichtsblättern [7] mit geringer bis gar keiner Resonanz statt.

Eine digitale Plattform, so die Idee der gestern lancierten Initiative, könnte die überhitzte Aufgeregtheit der Szene versachlichen und den Einbezug von im Ausland wirkenden Historikerinnen und Historikern vereinfachen.

In den nächsten Wochen wird ein internationaler Board zusammengestellt, der die ungarische Redaktion insbesondere in der Anfangsphase begleiten und auch die Verankerung innerhalb von H-Net garantieren soll. Dann wird es darum gehen, genügend Beiträgerinnen und Beiträger zu finden, welche die neue Diskussionsliste regelmässig bespielen werden.

Im Bild: Die Kuppel des ungarischen Parlamentes, wo besonders gerne und besonders niveaulos über ungarische Geschichte debattiert wird.