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Selbstversuch (I): Ich als «Experte» im Fernsehen

SF Wissen mySchool vom 18.01.2010

Ich wollte schon immer herausfinden, wie sich das anfühlt, im Fernsehen zu erscheinen, sozusagen meine eigenen 15 Minutes of Fame zu bekommen. Da war doch die Anfrage des Schweizer Schulfernsehens (neudeutsch „MySchool„) eine willkommene Gelegenheit für den „Historiker Jan Hodel“ als „Experte für Neue Medien“, der „sich mit der Bedeutung des Informierens in der Gesellschaft auseinander(setzt)“ (Minute 2:10), zu seinen, naja, nicht 15 Minuten, aber immerhin vier mal 20 Sekunden Fernsehauftritt zu kommen (der Beitrag wird jetzt, am 26.2.2010, um 10.15 Uhr ausgestrahlt).

Auch wenn man die Mechanismen kennt, wie Fernsehberichte und -dokumentationen den Erzählfluss gliedern, Spannungsbögen aufbauen, Abwechslung generieren, Aussagen vereinfachen und zugleich ihre Legitimität erhöhen (durch den Einsatz von theoretischen Expert/innen, die das Feld überblicken, praktische Experten (oder Zeitzeug/innen), die aus eigener Erfahrung glaubwürdig berichten, sowie von visuellem Quellen-Material) – man ist dann doch vom Ergebnis bass erstaunt, wenn besagter Experte, der als im bedeutungsschwangeren Habitus des (all?-)wissenden Expertens präsentiert wird, eigentlich aber nur in hastig runtergespulten Satzhülsen alltagskonzeptionelle Platitüden absondert, man selbst ist, wie man sich dann den Gesetzmässigkeiten des Mediums eben doch zu unterwerfen hat, so sehr man sie auch analytisch durchschauen und kritisch beurteilen mag. Man kann dann gar nicht anders, als sich vorzustellen, wie das Zielpublikum auf die Empfehlung „Bei Wikipedia ist man als Nutzer verpflichtet, genau hinzuschauen, wie die Informationen zustande gekommen sind“ (Minute 10) mit der spöttischen Bemerkung „Ja, danke, Herr Experte, das haben wir auch schon selbst herausgefunden“ reagiert – und sich eingestehen muss: da haben sie eigentlich recht.

P.S.: Ja, dem Zielpublikum geschuldet sprechen die Expert/innen in der Sendung sowie die Vertreter/innen eben dieses Zielpublikums in reiner Mundart. Die bundesdeutschen Leser/innen dürfen sich an den Kehllauten und dem kernigen „ch“ delektieren und den Inhalt erraten – oder auf eine Untertitelung hoffen, falls diese Sendung jemals auf 3Sat ausgestrahlt werden sollte (was kaum zu befürchten steht/erhofft werden darf)…
P.S.2: Ja, trotz „Historiker“ und „Neue Medien“: die Sendung nimmt die Bedeutung des „Informieren“ im Rahmen der Schulfernsehreihe „Gesellschaft und Politik“ unter die Lupe und interessiert sich vor allem für die Bedeutung des (Sich)-Informierens in einer demokratischen Gesellschaft. Der „Historiker“ ist hier auch als Mitarbeiter des „Zentrums für Demokratie Aarau“ angefragt worden, der sich ebenso mit Politischer Bildung auseinandersetzt.
P.S.3: Nein, auf den mediengeschichtlichen Abriss in diesem Beitrag hatte weder der „Historiker“, der „Medienexperte“ noch der „Fachmann für Politische Bildung“ Einfluss. Allfällige Empörung möge sich hier bitte über jemand anderen ergiessen.
P.S.4: Was als nächster Selbstversuch kommt? Hmm – Elfmeterschütze im WM-Final? Mitglied im Reparatur-Team am Weltraum-Teleskop Hubble? Moderation des Eurovision Song Contest? Ich bin da noch unschlüssig.

2 Kommentare auf “Selbstversuch (I): Ich als «Experte» im Fernsehen”

  1. Peter Haber meint:

    ad P.P.P.P.S. (vulgo P.S.4): Wie wäre es mit einem Bericht „Ich, der Narzissmus-Experte“?

  2. Jan Hodel meint:

    Dafür verfüge ich leider nicht über genügend Expertise. Fussballspielen, Weltraumteleskope reparieren und TV-Shows moderieren kann ich (bei aller gebotener Bescheidenheit) besser.

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