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Don’t? Cite? Wikipedia?

Anlässlich des Workshops „Wikipedia in den Wissenschaften“ habe ich in der Diskussion und in den anschliessenden Gesprächen (auch in den Rückmeldungen, etwa von Desanka Schwara) folgende Einsichten gewonnen:

  • Es gibt einerseits die Frage, ob Wikipedia für wissenschaftliche Arbeiten zitierfähig ist, und andererseits die Frage, wie man die Einschätzung von Wikipedia in der Lehre umsetzt.
  • Die Auseinandersetzung leidet an mangelnder Differenzierung und wird zu wenig „am Material“ belegt.
  • Vielen Missverständnissen zugrunde liegt das Spannungsverhältnis, dass Wikipedia eher ein Ort des Informationsaustausches und des Aushandelns von Wissen darstellt, aber wie ein klassisches (wissenschaftliches) Nachschlage-„Werk“ genutzt wird.

Entscheidend finde ich den Umstand, dass Wikipedia nicht eine Publikation, nicht ein „Werk“ ist im herkömmlichen Sinne, sondern eher ein Ort, an dem ständig Informationen zusammengetragen und Wissen generiert und verhandelt wird. Daraus folgen die spezifischen Eigenschaften von Wikipedia, die eine Kompatibilität mit wissenschaftlichen Referenz-Systemen in Frage stellen. Voraussetzung für wissenschaftliche Zitation ist die Eindeutigkeit der Referenz: Wer hat was wann wo geäussert und wie belegt? Wikipedia kann diesen Anforderungen an Referenz oft nicht genügen: Die Beiträge sind nicht belegt, sie verändern sich, sind von verschiedenen, zum Teil anonymen Autor/innen verfasst, die Hierarchien bei der Redaktion der einzelnen Einträge ist kompliziert und oft unklar. Zudem sind die lexikalischen, faktenorientierten Einträge per Definition keine wissenschaftlichen Werke. Für problematisch halte ich überdies die faktische Monopolstellung von Wikipedia aufgrund seiner grossen Bekanntheit und einfachen Nutzung.

Aus diesem Grund muss meiner Ansicht nach a priori immer im jeweiligen Einzelfall der konkreten Nutzung begründet und entschieden werden, ob ein Eintrag bei Wikipedia „zitierfähig“ ist. Genauso ist es eine jeweils im konkreten Fall zu prüfende Frage, ob ein Eintrag korrekt ist, oder ob er eine bestimmte Sichtweise präferiert, ob er unvollständig ist, ob er aktuell ist (also beispielsweise neuste Literatur verarbeitet oder nicht), usw. Das kann unter Umständen relevant sein – vielleicht auch nicht.

Ich bin aber gegen Aussagen im Stile von „Wikipedia ist nicht zitierfähig“ (wie sie am Middlesbury College und von Jimmy Wales geäussert werden, siehe separaten Eintrag), weil sie generalisieren statt differenzieren. Eine Generalisierung kann dazu führen, dass den Studierenden zu wenig klar wird, aus welchen Gründen „Zitieren aus Wikipedia“ problematisch ist. Die die Studierenden müssen dazu angehalten und befähigt werden, im Einzelfall zu prüfen, ob aus Wikipedia zitiert werden kann, und dies zu begründen. Wenn der Weg dahin mit einem Einführungssatz „Also, meine Damen und Herren, Wikipedia ist grundsätzlich nicht zitierfähig, weil…“ anfängt – wäre meinerseits nichts einzuwenden (besser fände ich einen Ansatz, bei dem die Frage „Also meine Damen und Herren, was meinen Sie: Ist Wikipedia wissenschaftlich zitierfähig? Wie begründen Sie Ihre Annahme?“). Meistens geht es ja aber so, dass „dekretiert“ wird, wie in Middlesbury. Ich bin der Meinung, die Studierenden sollen lernen, selber Verantwortung übernehmen zu können und die entsprechenden Kompetenzen dafür entwickeln. Eine generalisierende Aussage nimmt Verantwortung ab. Ich bin auch der Meinung, dass die Studierenden besser verstehen, warum sich Wikipedia grundsätzlich nicht eignet, wenn sie selber sich mit der Komplexität dieser Gründe und mit dem Phänomen Wikipedia auseinandersetzen.

Zusammengefasst:

  • Wikipedia ist aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften, die für seinen Erfolg massgeblich sind, nicht ein „Werk“ im herkömmlichen Sinn, sondern ein „Ort“ der Verhandlung und des Austausches. Genutzt wird es aber wie ein publiziertes Werk. Dieses Missverhältnis sollte den Studierenden klar gemacht werden.
  • Daraus folgt: Das Zitieren aus Wikipedia für wissenschaftliche Arbeiten in Geschichte ist aus verschiedenen (zum Teil wikipedia-spezifischen) Gründen problematisch: das betrifft die heterogene Qualität, den lexikalischen Charakter, die „Autorlosigkeit“ (kooperativ und zum Teil anonym verfasste Texte), die mit wissenschaftlichen Referenz-System nur schwer in Übereinstimmung zu bringen ist.
  • Daraus folgt: Jedes wissenschaftliche Zitat aus Wikipedia muss gesondert im jeweiligen Verwendungszusammenhang beurteilt und begründet werden. Eine grundsätzlicher Ausschluss von Zitaten aus Wikipedia für wissenschaftliche Zwecke ist ebenso unangemessen, wie die ausschliessliche oder hauptsächliche Verwendung von Wikipedia-Einträgen als Grundlage für eine wissenschaftliche Arbeit.
  • Daraus folgt: Studierende müssen zu dieser Beurteilung und Begründung befähigt sein. Dazu müssen sie die Funktionsweise von Wikipedia (die spezifischen Eigenschaften) und die daraus resultierenden Probleme für die Zitierbarkeit der Wikipedia-Einträge nicht nur kennen, sondern sich auch mit den konkreten Schwierigkeiten solcher Beurteilungen und Begründungen auseinandergesetzt haben.
  • Daraus folgt die Forderung, dass Studierende sich intensiv im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Ausbildung mit Wikipedia, d.h. mit seiner Funktionsweise und den darin vorkommenden fachrelevanten Inhalten, auseinandersetzen sollen: (Ausführliches) Lesen, Schreiben, Reden, Nachdenken, Vergleichen. Es ist kein Zufall, dass in dieser Aufzählung die Elemente der Historischen Online-Kompetenz anklingen.

Hier noch meine Powerpoint-Folien vom Vortrag am Freitag als PDF-Datei (304 KB).

3 Kommentare auf “Don’t? Cite? Wikipedia?”

  1. InfoWiss-Blog Saarbrücken » Wikipedia in den Wissenschaften meint:

    […] Im Rahmen des Werkstattgespräch fand auch ein Vortrag Jan Hodels statt, dessen Ergebnisse er im Blog von histnet.ch zusammenfasst. Besonders interessant finde ich folgende Punkte: Wikipedia ist aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften, die für seinen Erfolg massgeblich sind, nicht ein “Werk” im herkömmlichen Sinn, sondern ein “Ort” der Verhandlung und des Austausches. Genutzt wird es aber wie ein publiziertes Werk. Dieses Missverhältnis sollte den Studierenden klar gemacht werden. […]

  2. Patrick Jucker-Kupper meint:

    Hier noch ein Ausschnitt aus dem Lausanner Uni Magazin mit dem Titel
    „Wikipedia schreckt die akademische Welt ab“

    Hier wird auch eine Gebrauchsanleitung aufgeführt:

    Wikipedia, mode d’emploi

    Ne pas l’utiliser comme source
    Wikipedia peut être un bon moyen d’aborder un nouveau sujet. Mais comme toute encyclopédie, elle se limite ? fournir au lecteur matière ? introduction. La bibliothèque de la Banane a encore de beaux jours devant elle.

    La citer en date et en heure
    Les citations d’encyclopédies ou de dictionnaires sont diversement appréciées par le corps professoral. Tenez-en compte! Ces précautions prises, rien n’empêche d’y faire référence pour un sujet annexe au thème de votre travail. Cependant, comme le contenu est en constante évolution, il convient de citer l’article en date et en heure. Vos lecteurs ou vos auditeurs pourront ainsi revenir ? la page telle que vous l’avez consultée, par le biais de l’onglet « historique ».

    Se méfier du contenu
    La fiabilité de Wikipedia lui a valu les éloges de la presse, et de nombreux experts scientifiques avouent y recourir de temps ? autre. Néanmoins, il convient de prendre quelques précautions, surtout lorsqu’on consulte l’encyclopédie sur des sujets polémiques. Pour se faire une meilleure idée, on peut par exemple consulter l’onglet « discussion », où prennent place les débats entre contributeurs. Bien sûr, l’idéal restera toujours le recours ? une source dûment identifiée… L.P.

    http://www.unil.ch/webdav/site/unicom/shared/uniscope/2006-2007/Uniscope526.pdf

  3. Abschlussarbeit, Quellen « Bildungscafe Blog meint:

    […] übernehmen und so in Einzelfallüberlegungen evtl. eine Zitation möglich sein könnte. Wen es interessiert: Mehr im Weblog zu Geschichte und digitalen Medien – hier Soweit mir bekannt herrscht in der FernUniversität Hagen ein generelles Verbot aus der Wikipedia […]

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