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Internet-Archäologie: Es war einmal… Gopher

C-net bereitet uns einen unverhofften Einblick in die Früh-Geschichte des Internets, in die Prä-Web-Ära, als die Links zwar schon erfunden, das Internet aber noch eine „text only“-Veranstaltung war. Die angesagte Technologie damals war ein Protokoll namens Gopher – wenn man es unwissenschaftlich ausdrücken will, eine Art Twitter von 1991: zunächst hoch gehypt, dann aber dem „new next thing“, dem Protokoll „http“ (besser bekannt als World Wide Web) auf die Länge doch unterlegen.

Das nette Filmchen von C-net erklärt zwar nicht, warum es mit Gopher nicht weiterging,1 es zeigt auch nicht wirklich, was es Anfang der 1990er Jahre bedeutete, dank der Suchmaschine Veronica auf unglaubliche Datenmengen zugreifen zu können. Dafür zeigt es, wie man sich heute noch das Gopher-Feeling in den vertrauten Browser zaubern kann: Firefox-Addon namens Overbite runterladen,2 auf gopher://gopher.floodgap.com/1/world klicken, und sich dort in der Welt des Gopher tummeln – und ein bisschen die Luft von 1991 schnuppern: Mauerfall, Zerfall der UdSSR, Globalisierung, das unsägliche, unzerstörbare „Wind of Change„.

Dort gibt es (Überraschung!) sogar eine Anwendung, mit der man Twitter-Feeds in Gopher anzeigen lassen kann: Twitpher (!). Tja, damit wäre die 18 Jahre jüngere Hype-Anwendung nicht nur technisch erfolgreich mit dem Urahn verkoppelt, sondern hier auch gleich zweimal erwähnt, wie es sich für einen Mainstream-Weblog-Post des Jahres 2009 gehört.

  1. Da hilft hingegen weblog.histnet.ch weiter, denn in einem Eintrag von letztem Jahr hat Peter Haber auf einen Artikel bei Spiegel Online verwiesen, wo die Geschichte der Internet-Suche in kurzen Umrissen dargestellt wird. []
  2. Es funktioniert zwar auch ohne, Firefox weiss mit dem Gopher-Protokoll umzugehen, mit dem Addon sieht das Ganze aber originaler aus. []

5 Kommentare auf “Internet-Archäologie: Es war einmal… Gopher”

  1. Peter Haber meint:

    Ein paar kleine Korrekturen, sorry, lieber Jan: Gopher gehört mitnichten zur Früh-Geschichte des Internet (es heisst «des Internet», nicht «des Internets»); Gopher war einer der letzten Dienste aus der rund zwanzigjähirgen textorientierten Geschichte des Internet, ziemlich ausgereift, ziemlich beliebt und extrem schnell. Und eine «Art Twitter von 1991» war Gopher schon gar nicht. Es war nämlich im Unterschied zum Beispiel zu USENET kein Mittel zur direkten Kommunikation oder Interaktion, sondern es war ein strukturiertes, hierarchisiertes Ablagesystem insbesondere für längere Dokumente (in ASCII natürlich).

  2. Jan Hodel meint:

    Es war mir nicht bekannt, dass es bereits eine kanonische Einteilung der Internet-Geschichte gäbe, die festlegt, was noch zur „Früh“- oder „Spät“-Geschichte oder sonst irgendeiner Epoche des Internets – pardon, des Internet – gehörte. Ich lasse mich aber immer gerne von kompetenter Seite belehren!
    Eigentlich war die Bezeichnung ja ironisch gemeint, so aus der Sicht der Twitter-User von heute sozusagen; desgleichen die Etikettierung von Gopher als „Twitter von 1991“ das sich lediglich auf seine (leider nur kurzzeitige, aber sehr berechtigte) Beliebtheit bezog, nicht auf seine Funktion. Aber vermutlich war das mein Fehler, denn Ironie hat natürlich weder etwas mit digitalen Medien noch mit Geschichtswissenschaften zu tun.

  3. Peter Haber meint:

    Mea culpa! Werde es nie lernen, das mit der Ironie. Hoffentlich sind die Digital Natives, die uns ganz sicher zur Hauptsache lesen, etwas ironiekompetenter, als ich.

  4. Jan Hodel meint:

    jaja, nicht alle verfügen über die HOIK (historische Online-Ironie-Kompetenz)…

  5. Lambert meint:

    Also, euer Blog ist dorch wirklich immer wieder eine Wonne – daß ihr Gopher würdigt, aber auch so nebenher die Reflexion darauf, wie schwer es ironischer Text im Web hat… Bitte weiterbloggen!

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