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Digitale Kurzatmigkeit

chaos
Facebook macht (im Gegensatz zu Twitter) klug – aber nur noch „die Alten“ nutzen es, denn immer mehr User haben entweder keine Lust mehr auf Facebook, weil sie es uncool finden (oder weil sie zu dumm sind und daher zu Twitter abwandern), oder sie dürfen von Staats wegen gar nicht mehr an der social community Plattform mittun, die nun den Russen gehört (was aber nicht der Grund für die staatlichen Einschränkungen ist). Der gleiche Staat sorgt sich auch um unsere Persönlichkeitsrechte, die durch Google Street View verletzt werden, hingegen nicht um die Autorenrechte, die (wahlweise, je nach ideologischer Grundhaltung) durch OpenAcess, GoogleBooks oder nationale Verwertungsgesellschaften missachtet werden. Auch Wikipedia ist unzuverlässig und unwissenschaftlich (oder doch nicht?) und e-Learning irgendwie out. Und während sich Second Life entvölkert geht die ehrwürdige Deutsche Depeschen Agentur einer clever aufgemachten Falschmeldung auf den Leim, was gleich zum „Bluewater-Skandal“ aufgekocht wird.

Was lernen wir daraus? Ist der digitale Wandel gescheitert? Geht die Gesellschaft am digitalen Wandel zugrunde und lässt sich von einer übergriffigen Technologie ungebremst entmündigen und verblöden? Wohl kaum. Wir werden Zeugen von unzähligen Verwerfungen einer langfristigen Entwicklung, deren Faszination sich kaum jemand entziehen kann, die zu fassen und in ihrer Gesamtheit einzuordnen aber auch den meisten (mich eingeschlossen) kaum gelingt. Das Ergebnis sind Ausschläge im Puls des medial verhandelten Diskurs, die einerseits Trends hochjubeln oder niederschreiben, die unmittelbar bevorstehende, zwingende gesellschaftliche Umwälzungen erkannt oder ihr definitives Scheitern entdeckt haben wollen.

Sinnvoll erscheint eine Unterscheidung zwischen kulturellen Praktiken gesellschaftlicher Verständigung, Selbstorganisation und Selbstvergewisserung einerseits und den unterschiedlichen technologisch-wirtschaftlichen Lösungen andererseits. Meiner Ansicht nach sollten wir dabei eher von Menschen ausgehen, die sich als Individuen oder in Gruppen der zur Verfügung stehenden Technologien zur Ausübung der kulturellen Praktiken bedienen, als dass wir den Technologien eine (technikdeterministische) Kraft zur Prägung dieser Praktiken zuschreiben. Mit anderen Worten wünschte man sich statt der täglichen Dosis Digi-Hype etwas mehr digitale Normalität und Unaufgeregtheit. Doch dies bleibt wohl Wunschdenken angesichts der Logik der Aufmerksamkeits-Ökonomie, die sich sowohl bei den herkömmlichen (Print- und AV-) Medien wie auch in der Blogo-, Facebook- und Twittersphäre durchgesetzt hat. Und damit schliesst diese kurze Reflexion im genau gleichen verallgemeinernden (und erst noch pessimistischen) Ton wie die vielen verlinkten Meldungen zu Beginn des Posts.

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