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Mainstream 2.0

Web 2.0 ist im Mainstream angekommen – oder ist es umgekehrt?

Am Donnerstag las ich eine kleine Notiz: Das Organisationkomitees des Swiss Weblog-Awards tritt zurück. Ohne zu wissen, was im Hintergrund wirklich abgelaufen ist, interessant ist die Begründung dieses Entscheids: Einer der Ex-Mitglieder, Jan Zuppinger, tat dies mit folgenden Worten:

2006 will go down as the year of my big desillusionment with blogs. i will freely admit it, initially i was probably too enthusiastic in my passion for blogs. with my usual naive idealism i had nourished high hopes in them; i wanted to understand blogs as a much more democratic medium, one where the mass of bloggers participates in revealing truth and as such adds a truely independent voice to the existing media landscape. in a lot of ways, and certainly as a potential, this still holds true. but the blog hype of recent years has brought back in its wake some of the old media mentalities; hierarchies, rankings, earnings, market shares, hick hack and bickering have started to dominate the scene. in short, the market mentality once again has taken over. when we organised the 1. edition of the swiss blog awards we tried to establish humor and irony as THE key ingredient for the event. […] however it soon became clear, that our message was not understood. (Jan Zuppinger: Swiss Blog Awards Are Dead – For Me, piecoplastic.com, 15.1.2007)

Weinerliches Selbstmitleid eines verkannten Blog-Pioniers? Oder luzide Trend-Beobachtung eines Kenners? Beginnt nun auch im Web 2.0, auch in der Blogosphäre der Ernst des Lebens? Oder folgt auf Erfolg eben auch Vermarktung, bzw. sind die „old market mentalities“ ganz einfach „market mentalities“ ob in „alten“ oder in „neuen“ Medien? Anders gefragt: Sind die Weblogs doch nicht Künder eines neuen Paradigmas, wie die gesellschaftliche Kommunikation funktioniert, sondern werden sie jetzt, wo sie ernst genommen werden, von Betreibern, Promotoren oder Marktkräften an die geltenden Regeln angepasst?

In der Welt schreibt Wirtschaftsredaktor Dirk Nolde in anderem Zusammenhang (aber durchaus passend) über die Markteffekte und das damit einhergehende Mainstreaming in Web 2.0:

Kritiker halten das Internet in seiner neuen Form für gefährlich: Weil etwa bei Wikipedia jeder nahezu alles ändern kann, das Online-Lexikon aber zugleich als vertrauenswürdig gilt, drohe die Diktatur der Doofen. Damit aber werden die Marktkräfte unterschätzt, die in der Web 2.0-Industrie wirken. […]

Web 2.0 ist […] komplexer als eine Betonwand, auf der gelangweilte, von der Adoleszenz gebeutelte junge Menschen wieder und wieder Markierungen hinterlassen. Was auch daran liegt, dass sich mit Web 2.0 mehr Geld verdienen lässt als mit einer Betonwand. Genau das sollte in seiner Wirkung nicht unterschätzt werden. (Dirk Nolde, Macht Web 2.0 dumm?, Die Welt, 15.1.2007)

Dieses neoliberale Credo mag in der „Welt“ nicht unbedingt erstaunen, doch das Mainstreaming von Web 2.0 ist auch anderswo ein Thema. In der Zeit-Online von letzten Donnerstag schreibt Online-Chefredaktor und Wissenschaftsjournalist Gero von Randow darüber, wie Web 2.0 unser alltägliches Leben verändert (Gero von Randow: Leben im Netz, Die Zeit, 18.1.2007). Er bezieht sich auf McLuhan, wonach die Medien nicht durch Inhalte, sonder durch ihre Form die Gesellschaft gestalteten. Andererseits seien es doch die immer gleichen menschlichen Bedürfnisse, die sich in neuen Figurationen (nach Elias) äusserten. Illustriert werden die Thesen mit einer anschaulichen, aber (in meinen Augen) zu schnellen und allumfassenden Übersicht über verschiedene Anwendungen des Web 2.0. Die wesentliche Frage bleibt meines Erachtens unbeantwortet: Wer verändert wen? Verändern die Medien die kommunikativen Praktiken und sozialen Beziehungen und mithin die Gesellschaft? Oder die Gesellschaft die Nutzung und damit die Form der Medien? Und da beides wahr ist: wie geschieht das jeweilige im Bezug zum anderen? Wie lassen sich diese Prozesse unterscheiden und in ihrer Wechselwirkung beschreiben?

Um es näher an die Situation dieses Weblog zu bringen: Sind stilistisch ungewohnte Darstellungen in Weblogs (wie beispielsweise mein Blog-Eintrag vom letzten Donnerstag) einfach peinliche Aussetzer, die jeglicher Glaubwürdigkeit entbehren (und Glaubwürdigkeit ist eine harte Währung in der Beliebigkeit des Net) und – noch schlimmer – auch noch das Umfeld, in dem sie publiziert werden in ein schlechtes Licht rücken, oder eine Chance, zu den behandelten Sachverhalten einmal aus einer ungewohnten Perspektive neue Einsichten zu gewinnen? Mit anderen Worten: Führen Weblogs dazu, in der Wissenschaft neue Formen der Auseinandersetzung zu etablieren? Oder etablieren sich Weblogs in der Wissenschaft nur, wenn sie anerkannte Formen auf- und annehmen?

Das interessiert mich zentral an diesem (wie ich es in einem der ersten Blog-Einträge formulierte) Selbstexperiment. Die Vieldeutigkeit des Web 2.0, ja überhaupt des Konglomerats „Internets“, ist für mich das Faszinierende. Das Internet ist eben weder „glorreicher Hort des freien Wissens“ noch „unendliche Info-Schrotthalde“, sondern beides. Es ist den Usern überlassen, das eine vom anderen zu trennen, denn jede Hilfestellung stösst angesichts der schieren Grösse des Internets an Grenzen. Und bei dieser ständigen Evaluation gilt es, nicht nur auf gestalterische und stilistische Oberflächen, nicht nur auf Namen und Titel zu achten. Der Fachartikel im wissenschaftlichen Magazin kann korrekt sein (dafür sorgt hoffentlich die Redaktion) aber auch dröge, und der flippige Tagebuch-Eintrag in einem Klassen-Weblog kann (auch ohne Fussnoten und Literaturnachweis) Erhellendes bergen – ist aber nicht wissenschaftlich zitierbar. Diese widersprüchliche Vielfalt: Das ist Web 2.0.

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