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www.geschichtsklitterung.de gibt es nicht

geschichtsklitterung

So einfach machen es uns die Geschichtsklitterer/innen nicht, dass sie die Ergebnisse ihrer Bemühungen unter der passenden Domain vorstellten. Die Adresse www.geschichtsklitterung.de ist also nichts als eine Idee und somit uns bleibt das Abenteuer erhalten, zufällig (oder gezielt) solcherlei Machwerke im Internet zu finden. Das kann man durchaus (woran wohl kaum jemand zweifelt), zum Beispiel, wenn man die taz liest (oder, alternativ, das Weblog Klio surft).
Dann stösst man auf eigenartige Websites, die sich „Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde“ oder „Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung“ nennen, aber eigentlich das Ziel verfolgen, die Geschichte der DDR (*1949, †1990) zu beschönigen.1 Während die folgende Passage vor allem mich als Geschichtsdidaktiker irritiert…

Worauf das „Insiderkomitee“ allerdings abzielt, ist, Schüler zu erreichen. „Gerade junge Menschen versuchen, sich beide Seiten anzuhören“, sagt Ex-Stasi-Offizier Schmidt. Immer wieder erreichten ihn Anfragen von Schülern, mit denen er sich dann manchmal treffe, um ihnen seine Sicht der Dinge zu erläutern.

…finde ich die im taz-Artikel zitierte Äusserung des Verfassungsschutzes, warum ein Eingreifen seinerseits nicht nötig sei, unter geschichts-philosophisch/geschichtspolitischen Aspekten interessant:

„In allen Fällen handelt es sich um ideologisch und psychologisch motivierte Verklärungen der SED-Diktatur, die jedoch nicht auf ein aktuelles Bestreben abzielen, die bestehende politische Ordnung der Bundesrepublik Deutschland zu beseitigen.“

Diese Differenzierungsfähigkeit ist ja sehr erfreulich für einen Staatsschutz – aber wo genau verläuft eigentlich die Grenze zwischen der Verklärung einer Diktatur und dem Bestreben, die bestehende politische Ordnung zu beseitigen?

„Klio surft“ stellt übrigens die These auf, wonach bei den fraglichen Websites zwischen Form und Inhalt ein erkennbarer Zusammenhang bestehe: je wirrer das Website-Layout, desto wirrer die Thesen. Leuchtet ein, aber reicht wohl als Methode der Identifizierung nicht aus – und lässt überdies die Frage offen, ob die Urheber/innen der Thesen auch so wirr sind wie das Layout.

Vor allem wäre da noch zu klären, wie mit solchen Websites umzugehen ist. Darüber lachen? Ignorieren? Bei Google sperren lassen? Oder einfach darauf vertrauen, dass Jugendliche, die die Berliner Mauer nur noch vom Hörensagen kennen, solche Infos dann schon richtig einzuordnen wissen? Ein solches Vertrauen ist nicht unberechtigt, denn die Jugendlichen sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Und doch…

Da eignet sich meiner Ansicht nach das Vorgehen von Mills T. Kelly wohl schon eher. Er hat in seinem letzten Kurs die Studierenden selber Geschichtsklitterung (ja eigentlich sogar Geschichtsfälschung) begehen lassen, frei nach dem Motto: „Nur wer selbst einmal Geschichte manipuliert hat, kann solche Manipulationen später erkennen“. Aber dazu mehr in einem separaten Post.

  1. Dass wir uns richtig verstehen: es gibt auch üble Neonazi-Websites, die  Geschichte klittern, und zwar durchaus elegantere als jene mit HeilHitler!-Parolen und Hakenkreuzen. []

2 Kommentare auf “www.geschichtsklitterung.de gibt es nicht”

  1. Angela Brederecke meint:

    Was soll denn an den Websites der Insider, der GBM oder der GRH sachlich zu widerlegen sein?
    In wie fern soll dort „Geschichtsklitterung“ stattfinden?
    Vielleicht werden ja doch die Monpolmedien von Geschichtsfälschern dominiert.
    Die Herrschende Meinung ist nicht immer die Meinung der Herrschenden. Einmal wird das politische Bewusstsein der Unterdrückten Klassen auch in diesem Land erwachen!

  2. Holger König meint:

    Ich finde es richtig, wenn alle Parteien sich öffentlich äußern dürfen. Was aber fehlt, ist die Stimme des Durchschnittsbürger, des normalen Arbeiters oder kleine Angestellten. Im Streit zwischen je ein Prozent der „Systemträger“ und „Staatsfeinde“ bleiben 98 % unrerücksichtigt.
    Für die 98% möchte ich einige Worte zu meinem Leben sagen. Mit einer einzigen Bewerbung erhielt ich 1983 nach Schulabschluß meine Wunschlehrstelle (Ausbildung zum Facharbeiter für Eisenbahntransporttechnik). So wie ich hatten ca. 90% meiner Mitschüler ebenfalls mit nur einer Bewerbung ihre Ausbildung, der Rest nach der 2. oder 3. Bewerbung. Mit dem Facharbeiterbrief (Ausbildung bestanden) wurde man grundsätzlich ohne erneute Bewerbung vom Ausbildungsbetrieb übernommen. Der Arbeitplatz wäre auf Lebenzeit sicher gewesen.
    2001 wurde ich durch die Bahnreform von 1995 arbeitslos. Die im Einigungsvertrag versprochene Verbeamtung erwies sich als Betrug. So, nun ratet mal, welcher der deutschen Staaten aus meiner heutigen Sicht der bessere ist oder war!

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